Special - Folgen des Amoklaufs : Rückkehr der Killerspieldiskussion?

    Von Kommentieren

    Ich bin müde. Unfassbar müde. Die Ereignisse der letzten Tage in der Türkei, in Nizza, Würzburg und Ansbach sowie vor allem in München, der Stadt, in der ich lebe, haben viel Kraft gekostet. Nicht zuletzt aufgrund der unfassbaren und mit gesundem Menschenverstand nicht mehr nachvollziehbaren Reaktionen einiger Menschen auf diese schrecklichen Taten. Als ob das nicht genug wäre, äußern sich zwei augenscheinlich überforderte Politiker gegen Videospiele und die Community reagiert, wie man sie kennt: mit Beißreflex statt Besonnenheit - zu einem Thema, das angesichts der vielen Toten und Verletzten bei dem Anschlag doch so unwichtig erscheint. Muss das sein? Haben wir in den letzten Jahren denn gar nichts gelernt?

    Als ich die Pressekonferenz von Innenminister Thomas de Maizière am Sonnabend verfolgte und der Satz mit dem Bezug auf Videospiele fiel, war mir sofort klar, was passieren würde.

    Es ist nicht zu bezweifeln, dass das unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung gerade junger Menschen hat. Das kann kein vernünftiger Mensch bestreiten."

    Autsch. Ich konnte vor meinem geistigen Auge sehen, wie Hunderttausende von Gamern sofort empört von der Couch sprangen, und hatte ein Déjà-vu bezüglich eines Artikels, den ich bereits vor zehn Jahren verfasst habe und der aktueller scheint denn je. Eigentlich hatten wir alle gehofft, dass Jahre nach Winnenden nun endlich mal Ruhe in das Thema eingekehrt wäre. Der Nachsatz "Das ist etwas, das in dieser Gesellschaft mehr diskutiert werden sollte als bisher" ging natürlich im Aufheulen der Gamer völlig unter. Und dass es ein Statement im Rahmen einer langen Rede um verdammt beschissene Themen war erst recht.

    Volker Kauder, Fraktionsvorsitzender der CDU, konnte das Thema offenbar auch nicht ungenannt lassen. Dessen Zitat wurde allerdings aus dem Zusammenhang gerissen und als Verbotswunsch deklariert. Denn prinzipiell war der Verweis auf Ego-Shooter nur ein Teil einer ziemlich umfassenden Äußerung zum Thema Gewalt in der Öffentlichkeit:

    Es ist unerträglich, dass das Video des Attentäters von Würzburg immer noch im Internet kursiert. Der Mann bekommt damit noch mehr Aufmerksamkeit. Das könnte auch andere zum Nachahmen der Tat verleiten. Auch diese Ego-Shooter-Spiele müssen einmal hinterfragt werden. Es gibt für alles Grenzen, wenn Gewalt damit gefördert wird.“ (Vollständiger Text auf www.welt.de)

    Ein Journalist sorgte immerhin für eine Art Galgenhumor, als er äußerte, dass der Attentäter offenbar einen „Account beim Online-Spiel Steam“ hatte. Eine einzige Sekunde in Google hätte dem Redakteur viel Hohn, Spott und Peinlichkeit erspart - nebst einer weiteren Blamage für den deutschen Journalismus.

    Viel Lärm um nichts?

    Dass ein Verbot von Gewaltspielen ohnehin absurd wäre, sollte jedem klar sein. Insbesondere wenn man betrachtet, dass der Täter offenbar keine Probleme hatte, sich im Darknet illegal eine Waffe zu besorgen, und Regierung und Behörden derzeit ganz andere Sorgen haben, als sich um irgendwelche Spiele zu kümmern. Wenn schon, müsste man das Internet am besten gleich komplett verbieten. Wobei das vielleicht gar nicht mal so schlecht wären, wenn man sich die Kommentarspalten unter den aktuellen Tagesnachrichten ansieht.

    Eine erneute Stigmatisierung der Videospiele an sich wird sicherlich keine Amokläufe verhindern, sondern eher noch Fronten weiter verhärten. Schon jetzt ist es fast müßig, darüber Diskussionen zu führen, ohne dass Plattitüden von beiden Seiten kommen. Zumal gewaltverherrlichende Medien in Deutschland bereits verboten sind und wir eher das Problem haben, dass unser Jugendschutz nur noch nicht im Internetzeitalter angekommen ist.

    Die Sachlage der Ermittlungen zeigt ohnehin andere Ursachen für den Amoklauf: Mobbing, Ausgrenzung, depressive Störungen, die langzeitliche Beschäftigung des Täters mit früheren Amokläufen und der Umstand, dass die Tat genau fünf Jahre nach dem Breivik-Massaker erfolgte. All das sagt im Grunde schon aus, dass Videospiele nicht der auslösende Faktor waren. Vermutlich hätte im Chaos der letzten Tage niemand die Aussagen der beiden Politiker wahrgenommen, wäre da nicht dieser Aufschrei seitens der Gamer gewesen. Mich wundert es ohnehin, dass das Thema so viel Aufmerksamkeit bekommt angesichts der aktuellen Ereignisse. Aber vielleicht ist das ein Fluchtreflex, sich mit einfacheren Themen zu beschäftigen.

    Könnte dichinteressieren

    Kommentarezum Artikel