Special - „Killerspiele“ unter Beschuss : Special

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Diskussion um Killerspiele
Kunst oder Ekel? Auch andere Medien bieten reichlich Gewalt.
Sehr begehrt im Zusammenhang mit Videospielen sind gegensätzliche Meinungen und Studien in Bezug auf das Spielen als Ursache oder aber Symptom von Gewaltbereitschaft. Dazu zitiere ich mal den Satz "Es gibt für jede Meinung eine Studie". Auf gut Deutsch: Es gibt überhaupt keine klaren und bewiesenen Studien, ob Spiele Gewalt erzeugen können oder nicht. Auf der einen Seite heißt es "gewalttätige Spiele schüren die Gewalt", auf der anderen Seite steht die Aussage, dass "gewaltbereite Jugendliche eher einen Hang zu gewalttätigen Spielen" haben. Ursache und Wirkung sind völlig ungeklärt und unbewiesen. Derartige Studien als Argumentation für ein generelles Verbot von gewalttätigen Spielen (Frage ist hier auch die Definition) heranzuziehen, dürfte daher eher am Ziel vorbeischießen. Natürlich ist der Genuss von Medien jedweder Form im Übermaß schädlich, egal ob das nun Filme oder Videospiele sind, doch kann es nicht sein, dass staatliche Verbote (= Zensur) dafür herhalten müssen, diesen übermäßigen und unsachgemäßen Genuss zu verhindern. Die Argumentation, „weil beide Amokläufer so genannte Killerspiele gespielt haben, sind Killerspiele gefährlich“, ist zu simpel. Was, wenn nun beide ausgesprochene Hamlet-Fans gewesen wären (worin übrigens mit Blut auch eher geklotzt als gekleckert wird)? Ein Verbot aller Werke von Shakespeare?
Diskussion um Killerspiele
Vorgelebtes Gangstertum – ungefährlicher als Videospiele?
Die Diskussion ist so alt wie die mediale Welt, angefangen vom Teufelswerk Rock'n'Roll in den 50ern und 60ern über Splatter-Movies und Airfix-Soldaten bis hin zu Gotcha oder der aktuellen Rap- und HipHop-Musik, die in ihren Texten zum Teil auch nicht gerade zimperlich mit den Themen Gewalt und Frauenfeindlichkeit umgeht. Müsste man konsequenterweise bei einem Verbot von Videospielen mit Gewaltinhalten nicht auch Action- oder Horror-Filme verbieten? Die Texte von Rap-Künstlern zensieren und deren Videos, in denen oft genug mit Gangstertum und Ähnlichem herumgeprahlt wird, und Heavy Metal sowieso? Eigentlich schon, oder? Mittlerweile wird sogar über eine Überwachung des Internets diskutiert – George Orwells „1984“ lässt grüßen. Die Frage ist nur, was uns in einer formschön auf rosarote Blütenwelt getrimmten Verbotsgesellschaft noch an persönlicher Freiheit bleibt und ob eben diese Vorschreiberei von oben nicht eher im Gegenteil noch mehr Wut und Gewaltbereitschaft schürt. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber als mündiger Bürger über 18 möchte ich schon selbst entscheiden, mit welchen "Auswüchsen" der modernen Medienwelt ich mich beschäftige und mit welchen nicht, und wehre mich dagegen, mir vom Staat vorschreiben zu lassen, wie und womit ich meine Freizeit verbringe.

Generell kann man wohl mit Fug und Recht sagen, dass ein Verbot von Gewaltspielen nicht dafür sorgen wird, dass es in Zukunft weniger Amokläufe gibt, denn die Zusammenhänge sind da doch etwas komplexer, als einige Agitatoren es der breiten Masse immer wieder einreden wollen. Zum einen wären da eine generelle Verrohung und ein Werteverlust in der modernen Gesellschaft zu nennen, deren Ursprünge sicherlich nicht allein auf Videospiele zurückzuführen sind. Ich glaube nicht, dass ein Autofahrer, der einen anderen wegen Nehmens der Vorfahrt zusammenschlägt, diese Tat aufgrund von Videospielen durchführt. Oder dass der bekannte Krankenpfleger aus Sonthofen 28 Patienten aufgrund eines Videospiels ins Nirwana geschickt hat. Da gibt es ganz andere Einflüsse, die deutlich mehr zum Tragen kommen. Mangelnde Perspektiven für Jugendliche aufgrund hoher Arbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel, soziale Verwahrlosung, mangelhafte Erziehung in Schulen (PISA als eindrucksvoller Beweis) und im Elternhaus, die fehlende Vermittlung ethischer Werte, der bewusste Ausschluss so genannter Außenseiter und so weiter und so fort. Man denke nur mal an die Ausgrenzung von Mitschülern allein aufgrund der Tatsache, dass sich Schüler X wegen seiner sozial schwachen Herkunft nicht die aktuellen Markenartikel leisten kann, eine Ursache der in sämtlichen Medien vorgelebten Luxus-Gesellschaft. Mittlerweile ein völlig normaler Prozess, der aber aufgrund der daraus folgenden sozialen Isolierung für ein durchaus latentes Wut- und Gewaltpotential sorgt. Der Abschiedsbrief des Emsdettener Amokläufers lässt jedenfalls auf genau solche Ursachen schließen, zumal er seine Taten im Vorfeld bereits mehrfach angekündigt hat, was von seinem gesamten Umfeld aber offensichtlich wohlwollend ignoriert oder zumindest nicht bemerkt oder ernst genommen wurde.

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