Test - Guardians of the Galaxy : Superhelden in der Selbsthilfegruppe

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Erst kürzlich kündigte Telltale Games an, man wolle in Zukunft weniger Spiele, diese dafür in höherer Qualität veröffentlichen. Was genau darunter zu verstehen ist, wird sich noch herausstellen müssen. Guardians of the Galaxy ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, dass sich was ändern muss in der Telltale-Galaxis.

Im Grunde lässt sich das Fazit eines Telltale-Spiels anhand zweier einfacher Fragen beantworten: Bist du Fan der Lizenz? Und kannst du prinzipiell etwas mit dem typischen Spielprinzip aus interaktiven Geschichten und Pseudo-Entscheidungen anfangen? Auch Guardians of the Galaxy fällt in diese Kategorie des „Business as usual“, nur diesmal eben mit dem Personal aus dem Marvel-Kosmos.

Live, die, repeat

In ihrem ersten Videospiel-Abenteuer wird den Guardians ein mächtiges Artefakt in die Hände gespielt, die Schmiede der Ewigkeit, das in der Lage ist, Verstorbene ins Leben zurückzuholen. Eine solche Macht weckt natürlich sofort die Begehrlichkeiten der Bösewichte der Galaxis, genauer gesagt der Kree-Anführerin Hala, die damit eine Untoten-Armee für ihre Eroberungspläne aus dem Boden stampfen will.

Doch auch die Guardians haben ihrerseits seelische Narben über den Verlust eines geliebten Menschen erlitten, allen voran bekanntlich Star-Lord Peter Quill, der noch immer über den frühen Krebstod seiner Mutter trauert. Doch auch Muskelprotz Drax verlor einst seine Familie an Erzrivale Thanos, und selbst der sonst so souverän-zynische Waschbär Rocket kann nicht verwinden, dass er einst nicht in der Lage war, seine große Liebe zu retten.

Solcherlei Macht fordert jedoch auch ihren Preis, denn wer Leben gibt, muss auch welches nehmen. Und so mischt sich in die Hoffnung auf das Wiedersehen mit geliebten Verstorbenen zunehmend die philosophische Frage, ob die Entscheidung über Leben und Tod überhaupt in jemandes Hände gehört.

Wie nach dieser Zusammenfassung zu ahnen ist, schlagen die Guardians of the Galaxy ungewohnt ernste, geradezu trübsinnige Themen an. Jedes der Teammitglieder hat sein Päckchen aus Schmerz und Trauer zu tragen, unter dem die Gruppe schließlich zu zerbrechen droht. Entsprechend wird extrem viel geredet, ausdiskutiert, getrauert, gehofft, Beistand geleistet und Mut und Anteilnahme zugesprochen. Man kommt sich bisweilen vor, als wohne man einer Therapiesitzung in der Selbsthilfegruppe für Superhelden bei.

Mit dem Versuch, der Geschichte und den Charakteren auf diese Weise psychologische Tiefe zu verleihen, schießt Telltale leider Lichtjahre über das Ziel hinaus, zumal sich das ständige Trauern und Streiten und Versöhnen recht schnell nur noch im Kreis dreht, bis man die Charaktere nur noch anschreien möchte: „Jetzt reißt euch einfach mal alle zusammen und jammert nicht ständig rum!“ Die Mischung aus Lockerheit, ironischem Wortwitz und überkandidelter Action, für die die Guardians sonst berühmt sind, wird fast schon zur Randnotiz.

Dass Telltale genau diese Mischung eigentlich perfekt draufhat, bewies der Entwickler mit ihrem Tales from the Borderlands. Doch genau dessen Leichtfüßigkeit und verschrobener Humor fehlt den Guardians of the Galaxy, vor allem auch, weil die dafür zuständigen Figuren wie Publikumsliebling Rocket die meiste Zeit eher mürrisch bis griesgrämig auftreten.

Guardians of the Galaxy ist immer dann am besten, wenn das Spiel zu dieser Leichtigkeit zurückfindet. Vor allem Drax, der wie immer jeden Ausdruck allzu wörtlich nimmt und dadurch zielgenau von einem Missverständnis zum nächsten tappst, trägt dazu seinen Teil bei. Auch mit seinem Soundtrack aus dem Popmusik-Fundus der 80er Jahre verströmt das Spiel immer wieder die ausgelassen gute Laune, von der es gerne mehr hätte geben können.

Press Play to continue

Dass die Entscheidungen, die der Spieler in den Telltale-Spielen trifft, eigentlich keine sind und lediglich ein fast unmerkliches Flackern in den Dialogen zur Folge haben, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Das war aber nie wirklich schlimm, solange sie zumindest erfolgreich die Illusion vermitteln konnten, es spiele eine Rolle, welche Antwort man gibt. The Walking Dead war meisterlich darin, dem Spieler ständig Bürden aufzulasten, um die er nie gebeten hat und an denen er unter normalen Umständen allmählich zerbrechen würde. Game of Thrones verstand es, den Spieler ständig zwischen die Stühle zu setzen, in ein nach allen Richtungen zerrendes Ringen der Mächte, aus dem es kein Entkommen mehr zu geben schien.

Guardians of the Galaxy folgt auch in dieser Hinsicht eher Tales from the Borderlands, indem die Entscheidungen nicht dazu dienen, das eigene Handeln zu reflektieren, sondern lediglich die Handlung fortzusetzen – so als müsse man alle paar Sekunden auf „Play“ drücken, damit der Film im Rekorder weiterläuft. Hinzu kommt, dass die Geschichte mitunter sehr gestreckt wirkt. Einen Großteil der vierten Episode sitzt die Heldentruppe beispielsweise in einer Höhle bzw. in einem riesigen Weltraumwurm fest, so als hätten die Autoren dringend belangloses Füllmaterial gebraucht, um die verbleibende Zeit bis zum Showdown zu überbrücken.

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