Test - PC Building Simulator : WTF?! Die bescheuertste Spielidee des Jahres

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Wo ist er denn jetzt? Ich warte schon die ganze Zeit auf einen Schriftzug, der mir verklickert, dass es sich beim PC Building Simulator um eine Dauerwerbesendung handelt – oder vielmehr um ein Dauerwerbeprogramm. Einen anderen Zweck erfüllt die Software nämlich nicht. Es sei denn, ihr steht auf das, was beim PC-Gaming am wenigsten Spaß bereitet.

Ich baue ganz gerne Rechner zusammen. Letztes Jahr kam mein Neffe mit Rehaugen auf mich zu und gestand, dass er nur 600 Euro habe, aber einen zum Spielen tauglichen PC wolle. Ein klarer Fall für Onkel Denis. Ich studierte etliche Angebote lokaler Händler, suchte im Netz nach günstigen Einzelteilen und – ich bin ja ein netter Onkel – legte ihm noch ein paar Mücken drauf, damit er auch etwas Anständiges bekommt.

Das Thema PC-Eigenbau kann also durchaus spannend sein, gerade wenn es um das Thema Preis vs. Effizienz vs. Komfort geht. Der Rechner, den ich für meinen Neffen zusammenschraubte, war schlussendlich zwar recht gut, aber wegen der AMD-CPU samt Standardkühler furchtbar laut. Das Budget erlaubte keinen anderen Kühler und in Sachen Leistung gab es vor der Ryzen-Ära ebenfalls genug Grund zum Meckern. Also kam am Ende doch nur der Tausch gegen eine Intel-CPU in Frage.

Solche Spannungspunkte hätte ich mir beim PC Building Simulator ebenfalls gewünscht. Herumfriemeln, Ästhetik gegen Funktionalität abwägen, konkurrierende Systeme nach Schwachstellen abklopfen und so weiter. Aber davon gibt es leider nichts, denn der Name des Programms ist irreführend. Es sollte lieber „PC-Shop Reparaturpraktikanten Simulator“ heißen.

Hilfe, die Noobs kommen!

Ihr seht das Geschehen aus den Augen eines frisch gebackenen PC-Shop-Besitzers, der sich mit wenig Budget ein kleines Geschäft aufbaut, indem er die Wehwehchen anspruchsloser Kunden heilt. Denkt an nervige Allerweltskunden, deren Computerkenntnisse mit dem Installieren eines Anti-Viren-Programms überfordert sind. Schnorrende Möchtegernnerds, die zwar keine Kohle haben, aber eine stärkere Grafikkarte wollen, damit ihre Benchmarks bessere Werte ausspucken. Kurzum: jenes Klientel, das die Lebenserwartung jedes PC-Shop-Angestellten verkürzt.

Reden wir doch mal Klartext: Was sieht ein Spiegel, der sich im Spiegel spiegelt? Wer dieses Spiel kauft, muss einen PC vor sich haben. Ein Teil dieser Kundschaft baut sich diesen PC selbst zusammen, kennt die Abläufe also längst. Fragen wie „Wo kommt die Grafikkarte hin?“ oder „Wie verbaue ich eine Festplatte?“ sind für sie so trivial, dass keinerlei Lerneffekt zu erwarten ist. Was bleibt, ist der nervige, der ätzende, der langweilige Teil der Geschichte.

Somit reiht sich der PC Building Simulator in die Riege jener Simulatoren ein, nach denen nie jemand gefragt hat – gleich hinter dem Kloputz-Simulator, der Katzenstreuschaufel-Sim und der Staubsaug-Simulation. Mit einer Prise Wirtschaft natürlich, quasi der Rechnung, nach wie viel mal Saugen ein neuer Beutel reinmuss.

Nun gut, der Wirtschaftsteil beim PC Building Simulator ist durchaus ansprechend gelöst, denn ihr sollt im Spielverlauf die aktuellen Hardwarenöte gegen etwaige zukünftige aufwiegen und euer Budget entsprechend verteilen. Mit jeder eintrudelnden E-Mail samt Auftrag, den ihr nicht zwingend annehmen müsst, erreicht euch ein Zeitlimit in Höhe einer gewissen Anzahl Arbeitstage. Wie lange ihr an einem Kalendertag an den PCs herumtüftelt, spielt keine Rolle. Vielmehr sorgen Lieferzeiten bei Hardwarezulieferern und die Ansprüche eurer Kunden für Kopfschmerzen, sobald sich die Aufträge häufen.

Der tatsächliche Spielablauf beschränkt sich indes auf das Zerlegen und Wiederzusammensetzen diverser Rigs. Erst das Gehäuse aufschrauben, dann das entsprechende Bauteil aufspüren und austauschen, alles zusammenbauen, das Gehäuse wieder schließen, Kabel anbringen und einen Testlauf starten. Je höher euer Level als Hardwarespezi, desto komplizierter werden die Aufgaben beziehungsweise umso ungenauer sind die Angaben der Kunden bei der Beschreibung ihres Problems.

Werbung verhindert Wettbewerb

Das bringt uns zum eingangs erwähnten Werbeeffekt. Die allermeisten Teile, die ihr verbaut, entsprechen Markenwaren aus dem echten Leben, von denen viele erst freigeschaltet werden, wenn ihr entsprechenden Fortschritt mit einfacheren Komponenten bewiesen habt. Die Namen der Manufakturen entspringen zwar der Fantasie des Entwicklers, nicht aber deren Komponenten. Das reicht von der nVidia-Grafikkarte über Intel-CPUs bis hin zum Pseudo-Benchmarking mit einem Programm von 3D Mark.

Etliche bekannte Marken gaben ihr Okay für eine Verwendung in diesem Spiel. Nötig gewesen wäre das nicht, zumal es das Abgleichen von Konkurrenzprodukten verhindert. Abseits sekundärer Werte wie beispielsweise Größen von Festplatten gibt es keine Richtwerte. Kein Hersteller aus der echten Welt möchte sein Produkt in einem Spiel ausgestochen wissen, also fallen Vergleiche komplett flach. Außerdem sticht in diesem Aspekt das tatsächliche Alter der Sim heraus. Angesichts der Preise würde heutzutage kaum jemand noch eine Geforce-Grafikkarte der 900er-Reihe verbauen. Der PC Building Simulator hat intern schon einige Jahre auf dem Buckel.

Nun ja, angesichts der grafischen Darstellung könnte man meinen, das Programms wäre sogar noch älter. Aber da diese wenig zum Spaß beiträgt, sei dieser Punkt mal unter den Tisch gekehrt. Viel gravierender ist, dass nicht auf Details eingegangen wird. Auf der einen Seite soll man jede Schraube des Gehäuses einzeln herausfummeln und sogar jede einzelne Klemme des RAM-Verschlusses aufklappen, was so spannend ist wie das farbliche Sortieren von Smarties. Auf der anderen Seite erledigen sich die wirklich fummeligen Angelegenheiten des PC-Tüftelns wie von Geisterhand.

Hier wurde die Chance für kleine Geschicklichkeitstests verpasst, etwa das Verteilen von Kühlerleitpaste auf einer CPU. Wie viel ist genug und was ist zu viel? Bis wohin darf die Paste auf den Die, wenn der Kühlkörper danach die Paste breitquetscht? Das wäre doch ein prima Minispiel zur Auflockerung!

Auch andere typische Fehlerquellen beim PC-Bau bleiben unangetastet. An welche Stelle gehört ein einzelner RAM-Riegel, wenn das Motherboard eine Dual-Channel-Konfiguration hat? Ab wann wird es nötig, ein stärkeres Netzteil zu verbauen? Wie muss man die Spannung der CPU-Versorgung im BIOS erhöhen, wenn man den Rechner übertaktet? Es gibt so viele Anwendungsgebiete, die der Entwickler dieses Spiel überhaupt nicht anschneidet, obwohl sie nicht nur die spannendsten, sondern auch die lehrreichsten sind.

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