Test - Runaway 2 : Klassisches Point'n'Click-Adventure

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Das sind alles Peanuts gegenüber des völlig verkorksten Kapitels Nummer fünf, welches in puncto Story- und Rätselqualität mit großem Abstand das "Lowlight" des Spiels darstellt. Ohne zu viel verraten zu wollen, sei erwähnt, dass ihr von einer langweiligen Zwischensequenz zur nächsten geschickt werdet, welche ihr nicht mal alle abbrechen dürft. Gegen Ende erscheint gar eine bestimmte Szene gleich fünf Mal, stets mit dem gleichen Anfang, und nur in den letzten fünf bis fünfzehn Sekunden variierend. Dabei hätte man die Story locker umschreiben können, sodass zwei bis drei dieser Wiederholungen weggefallen wären.

Die Rätsel werden gleichfalls immer abstruser und immer weniger nachvollziehbar. Die Anzahl der "Du darfst Objekt A erst nehmen, wenn Situation B gelöst wurde"-Momente zieht spürbar an, gleichzeitig leben manche Puzzles von wirrem Ausprobieren (Stichwort "Weinflaschen leeren") und auch die Logik kommt leicht ins Straucheln. Im finalen Kapitel sieht es nicht ganz so schlimm aus, dafür wird die Story hier endgültig zur Unwichtigkeit verdammt. Anstatt dass irgendeine Auflösung oder ein sinnvolles Ende präsentiert wird, müsst ihr eine ziemlich unsinnige Traumsequenz überstehen, welche zwar sehr witzig geschrieben ist und von massig Anspielungen auf einen beliebten Adventure-Klassiker lebt, jedoch das eigentliche ‘Runaway 2’-Abenteuer keinen Meter vorantreibt.

Verschenktes Potenzial

All dies ist umso ärgerlicher, weil bis zur Hälfte des Spiels ein paar sehr charismatische Bösewichter eingeführt und diese danach abseits einer schnöden Erwähnung seitens Brians mit keinem einzigen Ton mehr erwähnt werden. Es existiert nicht einmal ein fescher Cliffhanger, die Story wirkt wie in der Mitte abgebrochen. Überhaupt versagt die Erzählstruktur stets in jenen Momenten, wenn Dramatik zum Einsatz kommt. Diese Zwischensequenzen sind entweder langweilig (siehe Kapitel fünf) oder leiden unter einer dilettantischen Regie – Paradebeispiel ist das Ende von Kapitel vier.

Natürlich macht ‘Runaway 2’ unterm Strich mehr Spaß als viele andere Adventures. Doch genau wie der Vorgänger sowie viele andere Genrevertreter der letzten drei Jahre verspielt ein viel versprechendes Produkt ein enormes Potenzial, weil es gegen Ende hin qualitätstechnisch fast schon abgewürgt wird. Ihr spürt regelrecht, wie den Designern die Arbeit am Plotschreiben und Rätselausdenken von Kapitel zu Kapitel anscheinend immer schwerer fiel. Einziger Lichtblick: Zwischen den Kapiteln wurden keine Räumlichkeiten bzw. Szenarien recycelt oder ausgetauscht, was immerhin für Abwechslung sorgt.

Immerhin: Witzig geschrieben und grandios anzusehen

Die einzigen beiden Punkte, welche durchweg im grünen Bereich liegen, sind der sehr gut transportierte Humor und die größtenteils fantastischen Animationen. Rein technisch gesehen leben alle Zwischensequenzen (also auch die langweiligen) von extrem schicken Bewegungsabläufen, welche einem Kino-Zeichentrickfilm alle Ehre machen würden. Nur die Mundbewegungen sind alles andere als flüssig und diverse Standardanimationen, etwa wenn Brian läuft, wirken vergleichsweise steif. Aber der Gesamteindruck ist nichtsdestotrotz sehr eindrucksvoll.

Der Sound kommt nicht ganz an diese Qualitäten heran, dazu fehlt es der Musik und den Sound-Effekten an besonderen Momenten. Die Sprachausgabe bewegt sich wiederum auf gleichem Niveau wie ‘Geheimakte Tunguska’ und glänzt mit wundervollen, größtenteils aus den Vorgänger bekannten Sprechern. Betonung und Besetzung werden nur vom ebenfalls jüngst erschienen ‘Ankh – Herz des Osiris’ übertroffen, was aber angesichts dessen Qualitäten keine Schande ist.

Fazit

Andreas Altenheimer - Portraitvon Andreas Altenheimer
Ich könnte heulen und diesmal vor Wut: ‘Runaway 2’ fängt trotz kleiner Ungereimtheiten so gut an und verbaut sich ab der zweiten Hälfte des Spiels mit immer größer werdenden Stolpersteinen die anfangs sicher geglaubte 80-Punkte-Wertung. Ein durchweg gelungenes Humorverständnis und die wirklich tolle Grafik täuschen nicht über immer abstruser werdende Rätsel und eine gegen Ende hin zur Nichtigkeit verkommende Story hinweg. Dabei hätten die Pendolu Studios einfach die letzten drei Kapitel verwerfen und stattdessen an einer vernünftigen Auflösung basteln sollen. Deshalb bitte ich die Entwickler, für die unvermeidliche Fortsetzung allein die wirklich starke erste Hälfte als Vorbild zu nehmen und den feschen Bösewichtern sowie dem prinzipiell viel versprechenden Storyansatz ein würdigeres Ende zu bereiten, als uns hier präsentiert wird.

Überblick

Pro

  • hervorragende Animationen
  • witzige Dialoge
  • jedes Kapitel mit eigenen Räumlichkeiten
  • ordentliche Sprachausgabe
  • teils gelungene, logische Rätsel ...

Contra

  • ... teils nervige, abstruse Rätsel
  • Story und Spielqualität bauen ab Kapitel vier deutlich ab
  • dramatische Szenen wirken hölzern
  • abruptes Ende
  • nicht alle Zwischensequenzen können abgebrochen werden

Wertung

  • PC
    79
    %

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