Special - Videospiele in der Therapie : Videospiele als Medizin?

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Interview mit Prof. Dr. Thierry Ettlin

Prof. Dr. Thierry Ettlin ist einer der führenden Experten für Rehabilitationsmaßnahmen auf dem neurologischen Gebiet. Er ist Chefarzt und Medizinischer Direktor der Reha Rheinfelden in der Schweiz und setzt seit Jahren Videospiele zu therapeutischen Zwecken ein.

Gameswelt: Wie intensiv setzen Sie Videospiele in der Therapie ein?

Thierry Ettlin: Unser Fokus liegt nicht auf dem generellen Einsatz von Videospielen, sondern wir nutzen diejenigen Videospiele, die uns sinnvoll erscheinen. Wir benutzen in der Rehabilitation bereits seit Jahren diverse Spiele. Videospiele kamen nach und nach dazu. Der Grund: Videospiele haben sich in den letzten Jahren in ihrer Anwendbarkeit und in der Visualisierung, aber auch auditiv dermaßen verbessert und vor allem vereinfacht, dass sie nun für neurologische Patienten einsetzbar sind.

GW: Gibt es in den Therapien eine Grundhaltung gegenüber dem Einsatz von Videospielen?

TE: Ja, wir haben einen Grundsatz: Der Einsatz von Videospielen ist absolut zielgeleitet. Wir schauen erst: Was für ein Ziel verfolgen wir zusätzlich zur konventionellen Therapie? In der Neurologie sind solche Ziele zum Beispiel die Feinmotorik, die räumlich-konstruktive Funktion, die Aufmerksamkeit und Konzentration, das logische Denken, Gedächtnis, denkerische Schnelligkeit und Flexibilität.


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GW: Dann geht es eigentlich immer um das Verbessern von motorischen oder geistigen Fähigkeiten?

TE: Nicht ausschließlich. Ein anderer Fall wäre beispielsweise ein Patient mit chronischen Schmerzen. Bei Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen setzen wir die Spiele mit dem Ziel der Ablenkung ein. Wir zeigen so dem Patienten, dass in der Chronifizierung des Schmerzes auch kognitive Elemente mitschwingen. Wir wollen ihm also beweisen, dass er sich mit einem Videospiel ablenken kann und dass er dabei die Schmerzen - auch wenn oft nur kurzzeitig - tatsächlich vergisst und nicht mehr spürt. Das wäre dann der Anhaltspunkt und die Motivation für eine psychologische Schmerztherapie. Wir sagen dem Patienten: „Sehen Sie, solche Ablenkung müssen Sie im Alltag suchen."

GW: Der Einsatz von Videospielen in Therapien ist also sehr breit gefächert.

TE: Genau. Aber, wie gesagt, es geht immer um das Ziel: Für jedes Ziel gibt es eine Palette an Spielen, die sich eignen. Sowohl bei konventionellen Spielen als auch in neuerer Zeit bei den Videospielen. Videospiele nehme ich dann, wenn sie in der Handhabung und im Verständnis für den neurologischen Patienten machbar sind. Für den psychosomatischen Patienten ist die Handhabung von Videospielen in der Regel kein Problem.

GW: Sie erwähnten vorhin, dass Videospiele sich in jüngster Zeit verbessert haben. Was meinen Sie damit genau?

TE: Ich meine damit die Zugänglichkeit, die vereinfachte Darstellung, die Bedienbarkeit und solche Sachen. Wichtig ist für uns auch die Bildgröße: Mit der Wii kann man auf einer Leinwand oder einem großen Plasmabildschirm spielen. Vor einigen Jahren mussten wir Spiele auf PCs oder kleinen Fernsehgeräten laufen lassen, das war natürlich alles andere als optimal. Ähnliches gilt für den Sound. Jetzt können wir normale Lautsprecher nutzen und nicht mehr die schlechten Miniboxen der PCs.


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GW: Gibt es außer der technischen Seite noch weitere Unterschiede zwischen Brettspielen, Memory-Kartenspielen und Ähnlichem zu Videospielen aus der Sicht des Mediziners?

TE: Im Vergleich zu konventionellen Spielen haben Videospiele zusätzliche Komponenten, von denen wir profitieren: Eine davon ist die Motivation. Ein Spiel muss motivierend sein. Das hilft uns ebenfalls bei der Selektion von Spielen. Videospiele besitzen häufig ausgesprochen motivierende Elemente, wie zum Beispiel Highscores, also eine Punkteanzeige. Damit kommt eine wetteifernde Komponente mit ins Spiel - man wird herausgefordert, mehr Punkte zu erzielen, man kann in Wettbewerben gegeneinander spielen. Dazu kommt der generelle Spaßfaktor. Das sind alles Vorteile für die Rehabilitation. Also Motivation, Wettbewerb und Spaß.

GW: Gibt es aus Ihrer Sicht auch Gefahren in Bezug auf Videospiele?

TE: Natürlich sind Gefahren da. In der Rehabilitation und Therapie ist das oberste Gebot, dass wir Videospiele ausschließlich begleitet einsetzen. Unsere Patienten spielen nie alleine, sie werden immer vom Fachpersonal begleitet. Wenn es so weit ist, dass das Spiel für den Patienten sinnvoll ist, er nicht überfordert wird und er einen Gewinn aus dem Einsatz zieht, dann geben wir ihm für die Anwendung von Videospielen zu Hause klare Zeitlimits vor. So wollen wir verhindern, dass das Suchtelement, das in all diesen Videospielen schlummert, auf den Patienten übergreift. Gerade Videospiele haben ganz klar das Problem der sozialen Isolation. Auch der Monotonie. Deshalb gehen wir auch pädagogisch vor. Wir sagen den Patienten, dass es keinesfalls darum gehen kann, dass sie den ganzen Tag Videospiele zocken.

GW: Was für Vorgaben stellen Sie auf?

TE: Als Beispiel kann ich Gehirn-Jogging von Nintendo nennen. Das spielen die Patienten beispielsweise zweimal eine halbe Stunde pro Tag mit einem bestimmten Resultat als Ziel - und dann ist Schluss. Wir versuchen also, schon im Voraus die Gefahren zu umgehen. Aber das geht natürlich nur bis zu einem gewissen Grad. Wir haben schließlich auch junge Patienten, die schon vor ihrem Unfall spielsüchtig waren. Dieses Verhalten zu ändern, ist dann besonders schwierig.

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