Test - Spider-Man : Besser als Batman Arkham?

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Hört ihr ihn auch, diesen lauten Schrei im Hintergrund? Er brüllt immerzu „Lizenzverwertung“, und man kann ihn über das ganze Spiel hinweg vernehmen. Die jüngsten Spider-Man-Verfilmungen kamen bei den Fans nicht so gut an wie erhofft, doch irgendetwas muss mit der teuren Marvel-Lizenz, die Sony derzeit exklusiv innehat, anzufangen sein. Sonys Antwort: ein aufwändiges Open-World-Abenteuer exklusiv für die Playstation 4. Ob es den zahlreichen Vorschusslorbeeren gerecht wird, verrät unser Test.

Egal ob im Film oder bei Spielen, in Sachen Comicumsetzung wirft Batman überall seinen dominanten Schatten voraus. Am dunklen Flattermann muss man sich messen lassen, weil er sowohl im Kino als auch bei den Superheld-Videospielen auf einem schier unangreifbaren Thron sitzt. Bislang ging nichts über Rocksteadys Arkham-Serie. Warum also sollte es also einem Entwicklerstudio zum Vorwurf gemacht werden, wenn es sich an diesem Meilenstein orientiert?

Marvel's Spider-Man aus dem Hause Insomniac Games schneidet sich unverkennbar die ein oder andere Scheibe von Batman ab. Egal ob Kampfsystem, Schleicheinlagen, Superschurken-Exposition oder das leicht eingeschränkte Open-World-System, all das kommt einem mächtig bekannt vor, auch wenn die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft dem Konstrukt dank expliziter Talente eine ganz eigene Geschmacksrichtung verleiht.

Wo der dunkle Rächer mit dem Greifhaken mühsam von Dach zu Dach springt, schwingt Spidey behände seine Netze, was ihn deutlich flexibler und schneller macht als den Flattermann. Geradezu spektakulär ist es, wenn die allseits belebte Spinne richtig loslegt. In die Tiefe stürzen, kurz vor der Straße abfangen und dann hoch über die Wolkenkratzer schwingen, das verleiht ihm eine ungeahnte Geschwindigkeit samt schwindelerregender Aussicht.

Ebenso mit der Comicverwandtschaft vergleichbar sind die Kampfrunden. Beide Superhelden stellen sich oft einer Überzahl an Schurken, teilen über Kampfkombos ordentlich aus und nutzen ein Frühwarnsystem für Ausweichmanöver und Konter, was bei Spidey sogar noch authentischer wirkt, denn bei ihm klingelt typischerweise der sogenannte Spinnensinn. Spider-Mans Flexibilität spricht für sich. Fausthiebe, Tritte und Flik-Flaks ergänzt er durch Luftakrobatik – mal mit und mal ohne Seil, sowie Gadgets seiner Spinnwebenflüssigkeit, mit denen er Widersacher mal im direkten Schlagabtausch und mal im Stillen an Laternen festklebt, sie entwaffnet oder sie zumindest für ein paar Sekunden kampfuntauglich macht.

Peter und die Spinne

Trotz aller Ähnlichkeiten, von denen es noch mehr gibt, kann Spider-Man auf der PS4 Kontraste zeichnen, die Batman verwehrt bleiben. Allem voran durch sein Alter Ego Peter Parker, der zwar eine untergeordnete, aber keineswegs unwichtige Rolle spielt. So lange Peter die Spinne mimt, geht es um handfeste Action mit viel Klopperei und einer schier endlosen Anzahl neunmalkluger Sprüche. Als Privatperson frönt er hingegen der Forschung, löst kleine Puzzles wie etwa das Verbinden von Schaltkreisen oder geht seiner Tante May in einem Obdachlosenzentrum zur Hand, wodurch diverse Handlungsstränge zueinander finden. Insomniac verschont uns dabei glücklicherweise mit einer Herkunftsgeschichte und taucht gleich in den tieferen Stoff ein.

Tatsächlich hat Spidey bei Spielbeginn schon viele Abenteuer bestanden und lebt in einer Zeitlinie, die weder aus den Comics noch aus einer Filmadaption bekannt ist. Wir befinden uns in der Gegenwart, in der Peter und Mary Jane Watson kein Paar mehr sind und Jay Jonah Jameson nicht mehr Chefredakteur ist, sondern seiner Wut in Internet-Podcasts Luft macht. Dennoch haben viele Ereignisse, die bei anderen Adaptionen zur Basis gehören, noch nicht stattgefunden. Das betrifft besonders die Identitäten einiger Superbösewichte, daher wird an dieser Stelle nichts verraten. Fans und Kennern sei lediglich versichert, dass sie die Handlung nicht aus anderen Quellen kennen. Es geht um eine brandneue Interpretation des Stoffs mit bekannten Elementen.

Der Einstieg in die Handlung ist schnell, fetzig und sprüht bereits vor Charme. Neben Spideys Schenkelklopfern, die er in allen erdenklichen Situationen zum Besten gibt, sind es vor allem die Gesichtsanimationen in den akribisch choreografierten Zwischensequenzen, die augenblicklich eine Verknüpfung zwischen Spieler und Protagonisten herstellen. Trotz Hochspannung und einer in Comicadaptionen nicht unüblichen Portion Technobabble wirkt nichts verkniffen, übertrieben oder peinlich.

Die Darsteller der Zwischensequenzen wirken sogar sehr natürlich und brauchen einen Vergleich mit Uncharted oder The Last of Us nicht zu scheuen, auch wenn auffällt, dass die obere Hälfte der Charaktermodelle wesentlich aufwändiger gestaltet wurde als die untere. Bei manchen Figuren fällt beispielsweise starke O-beinigkeit auf. Nicht selten vertuschen die Grafiker damit, dass auf der unteren Hälfte der Modelle keine Cloth-Renderer aktiv sind.

Aber das ist eine Nebensächlichkeit, die man gerne unter den Teppich kehrt, wenn man sieht, wie natürlich die Bewegungen der Augen und Lippen ausfallen. Lediglich Haare wirken etwas steif. Die deutsche Synchronisation ist über alle Zweifel erhaben, abgesehen davon, dass der Sprecher von Peter Parker und Spider-Man in Paniksituationen zum immer gleichen leichten Krächzen neigt.

Sammelwahn in New York

Die Kategorisierung als Open-World-Abenteuer kann an dieser Stelle falsche Erwartungen schüren. Leider besteht der Handlungsstrang nicht aus modularen Teilen. Es gibt keinerlei Entscheidungsfreiheit, denn die Story verläuft unumstößlich linear. Auf der zuschaltbaren Übersichtskarte New Yorks weist ein übergroßes Symbol stets darauf hin, wo die Handlung fortgesetzt wird und bis auf extrem seltene Ausnahmen steht immer nur ein Ziel zur Wahl.

Spider-Man - Action Sequence Breakdown Trailer
Der neue Trailer zu Spider-Man soll aufzeigen, wie spektakulär die Actionszenen im PS4-Exklusivspiel werden.

Dennoch gewährt euch das Spiel einigen Freiraum, denn wenn Spidey kontinuierlich von einem Handlungsschauplatz zum nächsten eilen würde, hätte er es gegen die ständig wachsende und immer diverser agierende Schar an Gegnern sehr schwer. Wer die Fähigkeiten des Helden samt Ausrüstung ausbauen möchte, schaut sich in New York nach defekten Funkmasten um, löst Forschungsaufgaben, sammelt Rucksäcke mit Nostalgieinhalten, fotografiert Sehenswürdigkeiten, versucht sich an besonderen Herausforderungen oder bekämpft zufällig ausgelöste Straßenverbrechen.

Letztere beinhalten Raubüberfälle, Verfolgungsjagden, Schlägereien und Drogengeschäfte, verlaufen aber stets sehr ähnlich. Meist prügelt man kleineren Schergen die Zähne aus der Kauleiste und übergibt sie dann der Polizei. Letztendlich nur eine Fleißaufgabe, wie alle anderen offenen Ziele der Stadt auch. Die Mühe lohnt sich jedoch, denn für all diese Nebenaufgaben erhält Spidey sogenannte Marken, die ihr gegen neue Anzüge mit Spezialfertigkeiten, verbesserte Webshooter und neue Kampfbewegungen eintauscht.

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Je weiter das Spiel voranschreitet, desto wichtiger werden jene Fähigkeiten, allerdings kommt ihr auch erheblich schwerer an neue Marken heran. Einerseits steigt die Anzahl der Gegner parallel zur Gefährlichkeit ihrer Bewaffnung, andererseits lassen sie sich mit jeder weiteren Spielstunde schwieriger überlisten. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist es deutlich vorteilhafter, den direkten Schlagabtausch zu meiden. Schleichen, im Verborgenen bleiben, Widersacher hinterrücks aufknüpfen, lautlos bleiben – das sind die Zutaten gewisser Spielpassagen, die man spöttisch „Solid Spider“ nennen könnte. An die Finesse eines Metal Gear reichen sie aber nicht heran. Dazu ist die Aufmerksamkeitsspanne der Gegner zu kurz, ihr Blickfeld zu beschränkt und manchmal auch ihre Ausrüstung zu fortgeschritten, als dass sie mit reiner List zu überwältigen wären.

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