Test - Where the Water Tastes Like Wine : Nach Gone Home: Stille Post als außergewöhnliche Spielidee

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Kennt ihr schon die Geschichte vom Cowboy, der Wirbelstürme zähmen konnte, oder die von der Familie, die Landstreicher an ihren Kannibalensohn verfütterte? Nein? Dann wird es Zeit für einen Abstecher in die USA des 20. Jahrhunderts, auf den euch das Indie-Adventure Where the Water Tastes Like Wine einlädt. Eine Entdeckungsreise durch farbenfrohe Gesellschaftsschichten zu unterschiedlichsten Zeiten erwartet euch – vorausgesetzt ihr lasst euch auf dieses ungewöhnliche Erzählexperiment ein.

Powerlevler und Speedrunner können hier gleich aufhören zu lesen, denn das Projekt einiger ehemaliger Gone-Home-Entwickler ist nichts für Story-Wegklicker. Where the Water Tastes Like Wine beginnt mit einem zwielichtigen Pokerspiel, in dem ihr euer Gegenüber etwas unterschätzt und – wie sollte es anders sein – haushoch verliert. Als es an die Bezahlung der Wettschulden geht, offenbart euch der wolfsköpfige Fremde, dass er kein Geld von euch haben möchte, sondern Geschichten. Da ihr aber nichts Spannendes zu erzählen habt, schickt er euch auf eine Reise quer durchs Land, um die Geschichten der Menschen zu sammeln.

16 Persönlichkeiten

So zieht ihr also los mit nichts als eurem Bündel, um an der einen oder anderen Ecke haltzumachen und einen kurzen Einblick in das Leben der Menschen zu erhalten, bevor ihr mit einem neuen Abenteuer im Herzen weiterzieht. Die Storys, die ihr am Wegesrand aufschnappt, sind selten Material, aus dem große Legenden gesponnen werden. Was euer Gläubiger von euch hören will, sind die Geschichten echter Menschen. Die begegnen euch mit etwas Glück hier und da. Mit 16 Fremden könnt ihr euch unterwegs das Lagerfeuer teilen.

Vom jungen Landstreicher, der die Freiheit auf der Straße genießt, bis hin zum eifrigen afroamerikanischen Eisenbahner, der die Arbeit mit Menschen schätzt, hat jeder sein ganz eigenes Päckchen zu tragen. Das Besondere daran: Alle Charaktere, die euch begegnen, wurden von einem anderen Autor verfasst - vollkommen unabhängig voneinander. Damit sie sich euch öffnen, müsst ihr ihnen im Gegenzug Geschichten erzählen. Jeder hat andere Vorlieben und um ihr Vertrauen zu erlangen, solltet ihr die Erlebnisse weitergeben, für die euer Gegenüber gerade in Stimmung ist.

Flüsterpost

Habt ihr einen entspannten Abend am Lagerfeuer verbracht, trennen sich eure Wege wieder. Meist verrät euer Campkumpane noch, wohin ihn die Reise als Nächstes verschlägt, und trefft ihr ihn dann auf Wanderschaft wieder, erfahrt ihr mit etwas Glück ein weiteres Stück seiner persönlichen Geschichte. Gewinnt ihr mit jedem Treffen mehr seines Vertrauen, dann erlangt ihr einen tieferen Einblick ins Leben des anderen. So nimmt die Geschichte eines fröhlichen Landstreicherjungen mit seinen zwei Hunden im Laufe der Zeit vielleicht eine melancholische Wendung und aus einer zufälligen Begegnung wird ein Charakter, für den ihr eine Reise quer durchs Land auf euch nehmt, um herauszufinden, wie es mit ihm weitergeht.

Durch diese Treffen erhaltet ihr nicht nur neue Geschichten, auch die Erlebnisse, die ihr vortragt, entwickeln sich weiter. Erzählt ihr etwa von eurem Hinterzimmerpokerspiel, bei dem kurz nach eurem Ausstieg das Haus in Flammen stand, kann es passieren, dass ein paar Orte weiter ein Säufer plötzlich die atemberaubende Geschichte von einem Brandstifter erzählt, der reihenweise Feuer legt, wenn er beim Pokern mal wieder verloren hat. Im Laufe des Spiels könnt ihr ein Gespür dafür entwickeln, welche Abenteuer großes Flüsterpostpotenzial haben, und diese nach Möglichkeit an andere Reisende weitergeben.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

So toll manche Erlebnisse einem erscheinen, so belanglos sind wiederum andere. In Where the Water Tastes Like Wine könnt ihr über 200 Geschichten sammeln, von denen einige spannender sind als andere. Hinzu kommt, dass euch immer mal wieder die gleichen Textversatzstücke begegnen. Gerade wenn ihr auf jemanden trefft, der eine der eigenen Geschichten weitergesponnen hat, ist der Textblock um die Erzählung herum öfter mal derselbe. Gleiches gilt für Gelegenheitsjobs, die ihr in Großstädten annehmen könnt, um ein bisschen Kohle für einen Snack oder eine Zugfahrt aufzutreiben. Wenn es blöd läuft, bekommt ihr einfach die gleiche Aufgabe mit dem gleichen Text wie beim letzten Mal. Gerade in langen Spielsitzungen nervt das ein wenig.

Einen angenehmen Ausgleich dafür bilden die hervorragenden Sprecher. Als Erzähler hat sich Entwickler Dim Bulb Games den Rocksänger Sting gekrallt sowie einige andere hochkarätige Stimmen, die man unter anderem aus Mass Effect oder Firewatch kennt. Die Synchronisation ist so fantastisch, dass es nicht stört, dass sie nur auf Englisch verfügbar ist. Schließlich ist alles solide übersetzt und mit deutschen Texten versehen. Dazu kommt ein bunt gemischter Soundtrack, der mit Popsongs im Stil der 30er-Jahre bis hin zu schweren Country-Liedern ziemlich genau das Wanderschafts- und Road-Trip-Feeling perfekt einfängt, das wir aus unzähligen Filmen kennen.

Optisch schlägt das Indie-Abenteuer in eine simple, dennoch passende Kerbe. Während ihr auf einer minimalistischen 3-D-Karte der USA wandert, werden die einzelnen Geschichten mit fabelhaften 2-D-Zeichnungen als Standbilder hinterlegt. Dieser Mix untermalt herrlich die Stimmung des gesamten Spiels. Auch wenn die dreidimensionale Ansicht beim bloßen Wandern gelegentlich fiese Ruckler plagt, lässt sich’s mit der Kombination aus Musik, Geschichte und Landstreicheratmosphäre herrlich in den Tag hinein spielen.

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