Test - Blood & Truth : Mittendrin Warfare

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Die Spielesammlung Playstation VR Worlds, die mittlerweile häufig den VR-Brillen von Sony im Bundle beiliegt, veranschaulichte in mehreren Demos die Bandbreite und Möglichkeiten, die das Spielen in Virtueller Realität bietet. Neben hauptsächlich eher mittelprächtigen Kurzspielen wie einer Tauch-Experience, einem Shooter auf dem Mars oder einem Pong-Klon in 3D war dort auch die beeindruckende Gangster-Ballade London Heist enthalten, die nun mit Blood & Truth zum vollwertigen Spiel wird.

Mit dem Ausbau gelungener Demos zu vollwertigen Spielen machte Sony bekanntlich bereits in der Vergangenheit sehr gute Erfahrungen. Auch Astro Bot Rescue Mission, das gemeinhin als eines der besten VR-Spiele überhaupt gilt, basierte schließlich auf dem kurzen, aber extrem unterhaltsamen Robot Rescue, das im kostenlosen Spielepaket The Playroom VR enthalten war. Geht das Konzept bei Blood & Truth erneut auf?

Blood & Truth - Launch Trailer
Mit Blood & Truth bekommen PSVR-Spieler einen neuen Titel an die HAnd.

London-Quicke

Bereits die Eröffnungsszene von London Heist war phänomenal und bildete einen Meilenstein im Spiel mit der Virtuellen Realität – obwohl oder gerade weil sie sich eigentlich völlig unspektakulär gebärdete: Man saß nämlich einfach nur in einem Restaurant. Ein Restaurant, das vollgekleistert war mit Bildern, Schirmlampen, lauter Details, die man einfach nur gebannt betrachtete und dabei die Faszination dieses virtuellen Raumes in sich aufsog, in dem man sich kraft virtueller Realität tatsächlich zu befinden wähnte. Denn zunächst tat man nichts anderes als warten. Warten und staunen.

Man wartete auf den Mafia-Paten, der bald darauf erschien und sich auf den Stuhl am Tisch gegenüber setzte. Und mit einem redete. Einfach nur redete. So plastisch wirkte das in VR, so real, wenn er einen mit seinen Augen musterte, als handele es sich bei ihm tatsächlich um einen echten Menschen. Und dann bat er den Spieler um Feuer für seine Zigarre. Mithilfe der Move-Controller, die die Hände simulierten, nahm man das Feuerzeug vom Tisch auf, entzündete es und steckte die Zigarre des Gegenübers damit an. Wow! Und wenn man wollte, griff man selber zu, hielt mit der einen Hand die Zigarre und mit der anderen das Zippo, zündete sie an und tat so, als würde man rauchen. Ohne Qualm und gesundheitliche Risiken.

Allein diese einleitende Restaurantszene aus London Heist wird es sein, für die Playstation VR Worlds einmal in Erinnerung bleiben wird (und für den Hai vielleicht noch). Doch auch der Rest des circa einstündigen Spiels bot nicht nur aufgrund der geringen Länge eine Menge Kurzweil: Die clever in Rückblenden erzählte Rahmenhandlung um einen missglückten Einbruch, die rasante Verfolgungsjagd auf dem Highway und die actionreichen Ballereien – das als vollwertiges Spiel, das wäre schon was. Und das ist es jetzt auch. Blood & Truth ist da.

Ballern wie in den 90ern

Ihr spielt einen ehemaligen Soldaten, dessen wohlhabende Familie in einen Konflikt mit der Londoner Mafia gerät, der sich zu einem waschechten Bandenkrieg auswächst mit allem, was dazugehört: Schießereien, Einbrüche, Attentate, Verfolgungsjagden, Entführung, Mord. Bis sich der Geheimdienst einmischt und euch anheuert, den Sumpf der Unterwelt auszuheben.

Wer London Heist gespielt hat, dürfte eine klare Vorstellung davon haben, was ihn in Blood & Truth erwartet: ein sehr hochwertig produzierter, kurzweiliger Actionspaß in Virtueller Realität, in dem sich Szenen aus Moorhuhn-artigem Geballer, Railshooter-artigem Geballer und Storysequenzen ohne Geballer abwechseln. Was in kompakter Form des etwa einstündigen London Heist blendend unterhielt, fällt auch in der Langfassung des gut 5 Stunden dauernden Blood & Truth durch und durch unterhaltsam aus, kann in der gestreckten Form sein spielerisch simples Prinzip aber nicht mehr so erfolgreich verschleiern.

In seinem Kern ist Blood & Truth nämlich nicht mehr als ein klassischer Lightgun-Shooter, wie man sie aus den Spielhallen der 90er Jahre kennt. Ihr ballert euch durch ein Casino, eine Fabrikhalle, ein baufälliges Hochhaus, ein Bürogebäude und ähnlich geartete Schauplätze, wie sie der Katalog für typische Shooterszenarien seit Jahren im Angebot führt. Dabei bewegt ihr euch nicht frei durch die Umgebung wie in einem Ego-Shooter, sondern fahrt per Knopfdruck auf vordefinierten Feldern hin und her, die meist hinter Deckungen wie Säulen, Tischen oder an Weggabelungen platziert sind.

Der Fokus des Gameplays liegt daher ganz klar auf dem Zielen über Kimme und Korn, was sich deutlich anspruchsvoller gestaltet als man es von Shootern mit Hilfsmitteln wie Fadenkreuz und Zielsucher gewohnt ist. Dass Blood & Truth kein freies Bewegen gestattet, ist ihm in diesem Sinne nicht vorzuwerfen – es verfolgt damit eben eine ganz bestimmte Art von Gameplayphilosophie, in dem es ums Zielen, Verschanzen und Auskosten der virtuellen Erfahrung geht, nicht um das taktische Stellungsspiel.

Zwischen der Action erwarten euch gelegentliche Minispiele, in denen ihr mit Dietrich, Kneifzange und Schraubenzieher Schlösser knacken oder Alarmanlagen lahmlegen müsst. Jene „Rätsel“ werden allerdings nie sonderlich anspruchsvoll, sondern bilden eher willkommene Ruhepausen zwischen den (auch körperlich) aufreibenden Actionszenen. Nebenher haltet ihr Ausschau nach Munition, Sammelobjekten und neuen Waffen wie Maschinenpistolen, Schrotflinten oder gar ein Granatwerfer.

Zur Auflockerung wechselt das Geschehen regelmäßig in Railshooter-Passagen, in der euch die Kontrolle entzogen wird und der Charakter das Kommando übernimmt: während einer rasanten Verfolgungsjagd über den Londoner Highway, bei der ihr euch mit dem Maschinengewehr gegen verfolgende Motorradfahrer zur Wehr setzt, während eines Parkourlaufs durch ein Bürogebäude, inklusive Sprünge von Dach zu Dach, in Zeitlupe aus dem geschlossenen Fenster und drei Stockwerke tiefer auf einen schmalen Balkon. Und dann diese Flucht aus einem Wolkenkratzer – während dieser gerade einstürzt natürlich! Wow, das fetzt schon ordentlich. In solchen Szenen fühlt man sich tatsächlich fast ein bisschen, als wäre man Max Payne.

Call of Duty: Mittendrin Warfare

In Szenen wie den eben beschriebenen läuft Blood & Truth zu seiner Hochform auf und lässt durchblicken, was es eigentlich sein will: eine Art spielgewordener Actionfilm der Marke Call of Duty: Modern Warfare, das sein bewusst reduziertes, fast schon primitiv anmutendes Spieldesign einer atemlosen Inszenierung und dem spektakulären Effekt unterordnet. Und das verfehlt heute in VR seine Wirkung ebenso wenig, wie seinerzeit beim ersten Modern Warfare: Der Gleitschirmflug über das nächtliche London, der Kampf gegen einen Hubschrauber, während man mit 200 Sachen in einem Sportwagen über den Highway brettert, und dann dieses furiose Finale, das nochmal alle Register zieht.

Zwischen all dem Geschepper bildet jedoch ausgerechnet einer der ruhigeren Momente das heimliche Highlight des Spiels: der Einbruch in ein Museum für moderne Kunst mit seinen interaktiven Farb- und Lichtinstallationen, in dem das Spiel seine Faszination für die reine Erfahrung der virtuellen Realität in ähnlicher Weise ausspielen kann, wie die eingangs geschilderte Anfangsszene von London Heist.

In diesen Momenten weht ein Hauch von großem Kino durch das VR-Erlebnis. Oder zumindest solcherart Krawallkino, das für seine Lauflänge das Gehirn auf Durchzug stellt und nächste Woche wieder vergessen ist – ein Schicksal, das Blood & Truth teilen dürfte. Denn so unterhaltsam es zweifellos ausfällt und so erkennbar es auf den inszenatorischen Wow!-Effekt großer Action-Blockbuster schielt, so inhaltsleer fühlt es sich letztlich bei genauerer Betrachtung auch an. Unter der glattpolierten Hochglanz-Oberfläche ist Blood & Truth so flach wie eine Pfütze.

Das Hauptproblem von Blood & Truth besteht darin, dass es von Level zu Level lediglich das Szenario wechselt, aber keinerlei Entwicklung vollzieht. Ist das anfängliche Staunen erstmal verflogen, tritt die spielerische Leere umso offensichtlicher zutage. Blood & Truth geht in kaum einer Hinsicht über die Lightgun-Shooter der 90er hinaus und ist damit in seinem Anspruch gerade mal eine Etage höher als Moorhuhn einzustufen. Zumal das ständige Nachladen, bei dem man ein Magazin vom Brustgürtel lösen und in die Waffe schieben muss, mitunter ziemlich nervt. Besonders offensichtlich wird die Ideenlosigkeit bei den Minispielen, die bis zum Ende nicht an Raffinesse zulegen.

Wo London Heist bereits in seiner Anfangsszene zur Hochform auffuhr, die Faszination von VR in jeder ihrer Facetten zu verdeutlichen, bleibt Blood & Truth lange zurückhaltend. Die Geschichte kommt nur zäh in die Gänge und trotz gelegentlich hübscher Momente gelangt sie nie über das Niveau zweitklassiger Gangsterfilme hinaus. Dass sie dabei viel zu selten Kapital aus dem reinen VR-Erlebnis schlägt, wirkt angesichts des betriebenen Aufwands inklusive Motion-Capturing etwas schade. Erst das atemlose Finale des Spiels, in dem man sich wahrlich mittendrin in einer VR-Version von Modern Warfare wähnt, lässt ahnen, welches Potenzial dem Nachfolger noch auszuschöpfen bleibt.

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