Test - Déraciné : Geistergeschichte von den Dark-Souls-Machern

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Greift zu, wenn...

… ihr ein eher kunsttheoretisches Interesse an interaktiven Erzählformen hegt.

Spart es euch, wenn...

… ihr Spiele in Messgrößen wie Gameplay, Story und Spielspaß klassifiziert.

Fazit

Matthias Grimm - Portraitvon Matthias Grimm
Ein aus künstlerischer Sicht faszinierendes Experiment über virtuelles Erzählen, das als Spiel leider scheitert

Déraciné ist ein faszinierendes Experiment darüber, wie im Erleben eines virtuellen Raums eine Geschichte weniger erzählt, als vielmehr erfahrbar gemacht werden kann, indem der Spieler gleichzeitig heimlicher Beobachter und handelnder Protagonist dieser Welt ist. Das mag nach weltfremdem Artsy-Fartsy-Geschwurbel klingen, doch ist es zunächst notwendig zu begreifen, was Déraciné eigentlich sein will, weil es ansonsten viel zu leicht wäre lediglich festzustellen, warum es aus ganz banalen Gründen scheitert.

Déraciné erzählt eine für Videospiele angenehm unaufgeregte Kurzgeschichte in der Tradition japanischer Geisterfolklore, die in ihren knappen drei bis sechs Stunden jedoch den Eindruck erweckt, als habe Dark-Souls-Schöpfer Hidetaka Miyazaki dafür lediglich einen seiner alten Schulaufsätze wieder aus der Schublade gekramt. Auch wenn Déraciné die unvergleichliche Erzählweise seines Autors erkennen lässt, die sich durch logische Brüche und erzählerische Lücken einen mit dem Verstand nur bedingt zu begreifenden Zauber einschreibt, so bleibt die Geschichte letztlich inhaltlich zu seicht und dramaturgisch zu fahrig.

Zumal Déraciné als klassisches Adventurespiel auf eine Weise versagt, die kaum anders als kläglich genannt werden kann. Mit seinen sperrigen Hol-und-bring-Aufgaben stehen die Rätsel dem Erzählfluss lediglich hinderlich im Weg, wodurch die Geschichte zusätzlich von ihrer Sogwirkung und sanften Emotionalität verliert.

Wer Spiele hauptsächlich in hohlen Messgrößen wie Gameplay und Spielspaß klassifiziert, wird Déraciné allenfalls als Einschlafhilfe zweckentfremden können. Wer hingegen ein eher theoretisches Interesse an den Möglichkeiten interaktiver Erzählformen besitzt, der dürfte in Déraciné trotz aller Makel eine künstlerisch kraftvolle Vision vorfinden, wie sie nur alle paar Jahre jemand zu formulieren imstande ist.

Das beste Spiel seiner Generation: Warum Dark Souls so gut ist

Überblick

Pro

  • faszinierendes Experiment über interaktives Erzählen
  • beeindruckend plastische VR-Welt
  • hübsch unaufgeregte Geistergeschichte
  • verwunschen geheimnisvolle Miyazaki-Erzählweise
  • eine der schnellsten und einfachsten Platin-Trophäen

Contra

  • einfallslose Hol-und-bring-Rätsel
  • nur etwa fünf Stunden Spielzeit
  • Geschichte inhaltlich seicht und dramaturgisch holprig
  • abseits kunsttheoretischer Überlegungen weitgehend langweilig

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