Test - Punch Line : Der Spanner-Simulator

  • PC
  • PS4
  • PSV
Von Kommentieren

Beginnen wir diesen Artikel ganz ungewohnt mit einem Blick in die offizielle (!) Beschreibung von Punch Line. Da heißt es wörtlich: „Spuke durch ein Haus voller Mädchen. Spiele deinen Mitbewohnern hochwertige Streiche, aber lass dich vom Anblick ihrer Unterwäsche nicht aus dem Konzept bringen! Untersuche, wie du mit der Hilfe einer perversen Geisterkatze zurück in deinen Körper gelangen kannst. Nutze Zeitreisen, um zu verhindern, dass die Erde explodiert, während du gleichzeitig Terroristen bekämpfst!“ Dem kann ich lediglich hinzufügen: WTF?!

Ich weiß nicht, was mich an der obigen Beschreibung am meisten irritiert. Die „perverse“ Geisterkatze? Der Abschnitt mit der Unterwäsche? Oder dass man gegen Terroristen kämpft, während gleichzeitig die Erde explodiert? Ich glaube aber, die Frage, die mich am meisten beschäftigt, ist die, was zum Geier eigentlich unter „hochwertigen“ Streichen zu verstehen ist. Aber fangen wir von vorne an.

Spanner-Apokalypse

In der unverkennbar japanischen Visual Novel Punch Line schlüpft ihr in die Rolle eines Jungen, der unlängst durch einen Unfall zu einem Geist geworden ist. Und seitdem in einem Haus herumspukt, das ausnahmslos von jungen Frauen bewohnt wird. Und was macht man als pubertierender Geist in einem Haus voller attraktiver Mädels? Logisch, man schaut ihnen heimlich unters Röckchen auf den Schlüpfer. Zu dumm nur, dass ausgerechnet dieser pubertierende Geist von einer Art Fluch betroffen ist, der ihn jedes Mal vor Erregung in Ohnmacht fallen lässt, wenn er zu lange auf den Schlüpfer einer Frau starrt. Und dadurch einen Asteroiden aus der Umlaufbahn lenkt und auf die Erde stürzen lässt, der die gesamte Menschheit auslöscht. Ääähm ... WTF?!

Richtig gelesen, jedes Mal, wenn euer Blick zu lange auf den Schlüpfer einer der holden Damen fällt, explodieren euch die Augen in einer Blutfontäne und ihr löst damit die Apokalypse aus. Um das zu verhindern und den Fluch zu brechen, müsst ihr einen Weg zurück in euren Körper finden. Zur Seite steht euch dabei besagte Katze, die gar nicht so „pervers“ ist, wie die offizielle Beschreibung behauptet, viel eher ziemlich nervig und vorlaut.

Ihr klappert nacheinander die Zimmer der einzelnen Mädels ab und spielt ihnen Streiche, zu denen mir eine Menge Adjektive einfallen würden, nur nicht „hochwertig“. Hierfür klickt ihr willkürlich auf Gegenstände, um diese auf geisterhafte Weise zu bewegen und so eine Ereigniskette in Gang zu setzen, die irgendwann irgendwie irgendeine Geschichte fortsetzt. Was be-geist-erte doch einst das geist-reiche Adventurespiel Ghost Trick für den DS bei ganz ähnlicher Spielmechanik mit cleveren und originellen Rätseln! Im Zusammenhang mit Punch Line überhaupt von einer „Spielmechanik“ oder „Rätseln" zu sprechen, schmeichelt dem Titel schon auf eine Weise, die er nicht verdient hat.

Ein genmanipulierter Bär und ... Spiderman?!

Selbst der Terminus „Geschichte“ ist dieser wirren Abfolge von Geschehnissen nur unzureichend angemessen. Da stellt sich auf einmal heraus, dass meine Zimmernachbarin in Wirklichkeit eine maskierte Superheldin ist, die wie Batman heimlich auf Verbrecherjagd geht. Eine andere Mitbewohnerin hält sich für eine Hellseherin, führt gelegentlich mit einer Taubenmaske über dem Kopf irre Veitstänze auf und befriedigt sich abendlich mithilfe einer lebensgroßen Statue ihres Gurus. Die Dritte glaubt, sie sei ein Stegosaurier, und hält einen genmanipulierten Bären als Haustier. Nur die vierte Mitbewohnerin scheint halbwegs normal – zumindest bis sich herausstellt, dass sie nicht nur eine Super-Hackerin und geniale Erfinderin ist, sondern auch … ein Roboter. WTF?!

Auf einmal platzt unversehens ein Supersoldat mitten in die Bescherung am Heiligabend, der von einer Schildkröte im Schritt vergewaltigt wird und nur davon abgehalten werden kann, den Bären zu töten, weil plötzlich … ein unsichtbarer Krake auftaucht. Am nächsten Tag findet sich zufällig eine Bombe im Küchenschrank. Einfach so, warum auch immer. Und äh, die Hellseherin hat ein Date mit einem Alien vom Planeten Gliese, der sich aber als amerikanischer Spion entpuppt und daraufhin von … Spiderman vermöbelt wird. Wo der auf einmal herkommt? Ich sag nur: WTF?!

Auch wenn es so klingen mag, als hätte ich mittlerweile völlig den Faden verloren oder beim Schreiben einen Schlag auf den Kopf bekommen, so lasst euch versichern: Das alles passiert wirklich, und zwar genau so und in dieser Reihenfolge, ohne erkennbaren Zusammenhang, hochgradig wirr, konfus und dämlich. Die Geschichte von Punch Line erinnert mich an ein Spiel, das wir als Kinder hin und wieder gespielt haben, bei dem jeder einen Satz auf einen Zettel schreibt, das Papier umknickt und es an seinen Sitznachbarn weiterreicht, ohne dass dieser die vorherigen Sätze kennt. Am Ende kam dabei ein Text heraus, der keinerlei Sinn ergab, aber gerade deshalb meist sehr lustig war. Genau auf diese Weise scheint das Drehbuch zu Punch Line entstanden zu sein: Als hätten am Skript zehn Autoren gleichzeitig geschrieben, von denen keiner auch nur den blassesten Schimmer von dem hatte, was die anderen gerade machten. Punch Line pfeift auf sämtliche dramaturgische Regeln, logischen Zusammenhalt und erst recht sowas wie gesunden Menschenverstand.

Denn wenngleich sich die Handlung von Punch Line in der Zusammenfassung möglicherweise liest wie herrlich überdrehter Trash, postmodernes Genre-Patchwork aus der Wundertüte für kreatives Ideen-Feuerwerk oder im schlimmsten Fall wenigstens irrwitziger Unfug mit maximalem Fremdscham-Unterhaltungswert, so ist es das … nicht. Nicht mal mit zugekniffenem Auge und drei Promille in der Birne. Punch Line ist einfach nur ganz kruder Schrott.

Am besten zu sehen ist das daran, dass der bizarre Höschen-Fetisch für das narrative Handlungs-Kauderwelsch nicht die geringste Rolle spielt und eher wirkt, als habe man verzweifelt ein Sex-sells-Werbeversprechen gebraucht, um den Mist wenigstens in der Softporno-Abteilung auszulegen und an ein paar Ahnungslose loszuwerden. Erotisch ist Punch Line jedenfalls zu keiner Zeit – was außerdem allein schon daran liegt, dass die Grafik des Spiels halt nunmal aussieht wie ein eingelaufener Topflappen. Schaut euch doch einfach mal den Screenshot an. Das wäre ja nicht mal prickelnd, wenn es Stromstöße verteilen würde.

Doch wenn ihr glaubt, das bis hierhin Geschilderte sei schon ziemlich abgefahren, dann macht euch auf etwas gefasst: Denn nach etwa 12 Stunden Spielzeit passiert etwas Unfassbares, vollkommen Unvorhersehbares, das mit Abstand Unglaublichste an diesem Spiel! Etwas dermaßen Irres, dass man darauf unmöglich vorbereitet sein konnte. Man mag es kaum glauben, aber nach der absurden Spanner-Apokalypse, dem irren Auftritt von Spiderman oder einem unsichtbaren Kraken geschieht etwas, das noch viel, viel verrückter ist, denn: Auf einmal ergibt … all das … tatsächlich einen … Sinn … und wird fast schon so etwas wie … gut …....

WTF?!

Auf einmal macht Punch Line eine 180-Grad-Wendung, verabschiedet sich völlig von der ebenso unnötigen wie peinlichen Höschen-Erotik, auch von jederlei Gameplay, und erzählt einfach seine zwar nach wie vor ziemlich irre, aber plötzlich erstaunlich gewitzte Geschichte zu Ende. Auf einmal lässt der vermeintlich grobe Unfug sogar Züge der brillanten Visual Novel Steins;Gate erkennen, die übrigens aus selbem Hause ist.

Punch Line mutiert unversehens zu einer beinahe schon clever konstruierten Zeitreise-Geschichte, die Steins;Gate zwar trotzdem gerade mal bis zur Kniekehle reicht - aber immerhin. Hätte es von Anfang an auf seinen kruden Erotikmurks verzichtet, die Geschichte etwas stringenter erzählt und sich ein vernünftiges Gameplay ausgedacht (oder es besser ganz weggelassen), dann hätte aus Punch Line tatsächlich ein richtig gutes Spiel werden können. Oder eben einfach ein ordentlicher Anime, was es ursprünglich auch einmal war.

Punch Line - Europe Launch Trailer
Punch Line ist eine feucht-fröhliche Vermischung aus Anime und Visual Novel mit einer etwas... bizarren Handlung.

Daher auch mein abschließender Rat: Wer nach der Schilderung dieses irren Zirkus der Absurditäten und Albernheiten Lust auf derlei durchgeknallten Trash bekommen hat, sollte sich besser den Anime anschauen, auf dem das Spiel basiert. Der ist hochwertiger produziert und erzählerisch klarer strukturiert. Und nicht ganz so schädlich für euer Seelenheil.

Könnte dichinteressieren

Kommentarezum Artikel