Test - Valkyria Chronicles 4 : Rundenstrategie als Anime

  • PC
  • PS4
  • One
  • NSw
Von Kommentieren

Sega kehrt mit Valkyria Chronicles 4 zur Geschichte des ersten Teils zurück, erzählt dieses Mal aber von den Abenteuern einer anderen Einheit. Claude Wallace und seine berühmte Ranger-Truppe E will tief ins Herz des Feindeslands vorstoßen, um dort der Schlange den Kopf abzuschlagen. In dem rundenbasierten Strategiespiel bekommt er es jedoch nicht nur mit der geballten Kraft des Imperiums zu tun, sondern dem ganzen Schrecken des Krieges.

Krieg, Krieg ist immer gleich. Das gilt für die reale Welt gleichermaßen wie für Fallout oder Weltkriege der Marke japanische Fiktion. Im zweiten Europäischen Krieg kann sich die Föderation kaum gegen das Anrücken der imperialen Armee stemmen. Technologisch den scheinbar friedliebenden Nachbarn aus dem Westen weit überlegen, schneiden die östlichen Eroberer durch die feindliche Abwehr wie das sprichwörtliche heiße Messer durch Butter. Es ist ein Kampf, der bereits kurz nach Beginn entschieden scheint, hat das Imperium doch alle Trümpfe in der Hand.

Wirklich alle Trümpfe? Nein. Denn eine kleine Truppe aus wackeren Soldaten unter der Führung eines charismatischen, jungen Commanders macht sich auf, das Blatt zu wenden. Ihr Ziel ist es, die Frontkämpfe zu umgehen, aus dem Schatten heraus die Hauptstadt des Imperiums zu infiltrieren und sie zu Fall zu bringen. Schlag den Kopf der Schlange ab und der Körper hat die merkwürdige Eigenschaft, die Funktion einzustellen. So weit, so gut, doch stellen sich der wackeren Einheit E auf dem Weg so allerlei Gefahren entgegen.

Diese bestehen nicht nur aus feindlichen Truppen und gerissenen imperialen Kommandeuren, sondern auch aus Zwietracht innerhalb der eigenen Reihen, knappen Vorräten, der eisigen Kälte des Eismeers und vielen anderen großen wie kleine Problemen. Eure Aufgabe als Claude Wallace, Truppenführer von Einheit E, ist es, euch dieser Schwierigkeiten anzunehmen, eine Lösung zu finden und siegreich in den nächsten Kampf zu ziehen. Zumindest auf dem Papier, denn unterm Strich seid ihr darauf beschränkt, dem Trupp in diversen Schlachten Befehle zu geben, sie taktisch überlegt über die Karte zu bewegen und mit den richtigen Waffen den entsprechenden Feind zu bekämpfen.

Alle anderen Probleme werden im Verlauf der Geschichte in Form von teilweise sehr langen Unterhaltungen ohne euer Zutun angegangen. Valkyria Chronicles 4 besteht in erster Linie aus einer Aneinanderreihung von Gesprächen und kurzen Sequenzen, die immer mal wieder durch eine Schlacht unterbrochen werden. Von den knapp 50 bis 70 Stunden, die die Hauptgeschichte durchaus beanspruchen kann, besteht die Hälfte aus einer Flut von Textlawinen. Der Fokus liegt stark auf dem Ausbau der wichtigsten Figuren und einem wechselnden McGuffin.

Die Zeit und Mühe, die in diese Form der Erzählung flossen, sind förmlich zu spüren. Trotzdem ist es für diejenigen, die lieber selbst spielen und weniger Anime gucken wollen, bisweilen schwierig, sich durch die Wände aus Konversationen und Monologen zu klicken. Wer die Vorgänger bereits gespielt oder viel Erfahrung mit der japanischen Trickfilmlandschaft hat, wird dabei wenig bis keine neuen Ansätze finden. Valkyria Chronicles 4 ist quasi ein durchschnittlicher Shōnen, der sich selbst ein bisschen zu ernst nimmt.

Die Figuren fallen leider sehr klischeebeladen aus. Ideen für Waffen und Schlachten stammen gleichermaßen aus dem Ersten wie dem Zweiten Weltkrieg und teilweise aus manch einer Fantasy-Legende der Marke Secret of Mana. Das Ergebnis ist ein krudes Gemisch aus allerlei Ansätzen, die in ihrer kombinierten Form eher schlecht als recht zusammenpassen wollen. Fans der ersten Stunde haben damit sicherlich kein Problem, Einsteigern dürfte es jedoch schwerfallen, sich in dieser Welt zurechtzufinden.

Gameplay: Es ruckelt im Karton

In Valkyria Chronicles 4 erhaltet ihr vor jeder Schlacht eine Zusammenfassung darüber, welche Ereignisse zu dem Kampf geführt haben, wie der Feind aufgestellt ist und was die Führung nun von euch erwartet. Ihr entscheidet, welche Soldaten aus der Einheit eingesetzt werden und wie ihr sie nutzt. Dabei stehen unterschiedlich viele Kommandopunkte zur Verfügung. Jeder dieser KP erlaubt es euch, entweder einen Infanteristen/Panzer zu steuern oder einen Befehl zu erteilen.

Eure Aufgaben wechseln, drehen sich im Allgemeinen jedoch meist darum, das feindliche Hauptlager zu besetzen oder alle Feinde im Gebiet zu beseitigen. Zwar gibt es Ausnahmen von dieser Regel, doch ist es im Großen und Ganzen das, wofür ihr unterschrieben habt. Ihr müsst nun entscheiden, welche Soldaten ihr wohin zieht, wer welchen Feind ins Visier nimmt und mit welcher Strategie ihr eurem Ziel näher kommen wollt.

Dabei gilt es zu berücksichtigen, die Einheiten auch zu leveln, neue Waffen für die Soldaten und Teile für Panzer zu entwickeln. Wer lediglich von Kampf zu Kampf zieht, wird schnell Probleme bekommen, da die Imperialen ständig stärker und mit verbesserter Ausrüstung versehen werden. Dieser Part, die Vorbereitung auf die kommende Schlacht, frisst beinahe so viele Stunden wie die Geschichte selbst und ist außerdem absolut notwendig. Wer nicht bereit ist, Zeit in die Aufrüstung zu stecken, dürfte nach wenigen Missionen vor einem unüberwindbaren Wall aus überlegenen Feindsoldaten stehen.

Das hauptsächliche Problem liegt jedoch darin, dass die Schlachten nicht schwerer werden, sondern lediglich gemeiner. Statt das Stein-Schere-Papier-Prinzip unter euren und den Feindeinheiten weiter auszubauen, verlagert sich der Fokus in den Kämpfen nach und nach zugunsten des Storytellings. Neue Gegnertypen tauchen ohne Vorwarnung auf dem Schlachtfeld auf, imperiale Kommandeure lassen plötzlich die Toten wieder zum Leben erwachen und fiese Hexen bombardieren brave Krieger mit tödlichen Geschossen.

Valkyria Chronicles 4 verfällt dadurch schnell in ein Hin und Her aus speichern und neu laden. Nicht jedoch, weil ihr Fehler gemacht habt, aus denen ihr für die nächste Schlacht lernen könnt, sondern einfach, weil ihr nicht wissen konntet, welchen Trick der Feind dieses Mal aus seinem Zylinder zaubert. Abseits der Geschichte halten die optionalen Kämpfe leider auch nicht viel parat, bestehen sie doch nur daraus, so flink wie möglich einen bestimmten Punkt zu erreichen. Um dies zu tun, ist es in den meisten Momenten völlig unnötig, sich ausgiebig mit der Feindmacht zu beschäftigen.

Stattdessen nutzt ihr gegebene Hilfsmittel, erreicht bereits innerhalb der zweiten, fast immer spätestens im Verlauf der dritten Runde euer Ziel und freut euch über Erfahrungspunkte, die ihr quasi geschenkt bekommen habt. Veränderungen in den Missionen, wie Schneegestöber, Nebel oder magischen Sturm, gibt es stets nur für eine Schlacht. Diese erhalten zu Beginn extra ein Tutorial, nur um dann nicht mehr verwendet zu werden.

Per se ein spaßiger Titel mit vielen kleinen Details, die letzten Endes jedoch wenig bedeuten. Valkyria Chronicles 4 ist schlichtweg zu einfach, während es im gleichen Atemzug unfair schwer wirken kann. Eine krude Mischung, die mich stets mit sehr unterschiedlichen Gefühlen zurückgelassen hat. Auf der einen Seite will ich das Spiel für seine Liebe zum Detail und seinen Einfallsreichtum mögen, auf der anderen Seite schlägt es mir für diesen Versuch immer wieder Nonsens ins Gesicht.

Die Steuerung im Kampf

Ihr könnt je nach vorhandenen Kommandopunkten unterschiedlich viele Soldaten beziehungsweise Panzer steuern. Diese haben AP, die vorgeben, wie weit sich die Einheit bewegen kann. Außerdem dürft ihr in jedem Zug eine Aktion wie Schießen, Heilen oder auch Reparieren ausführen. Zusätzlich lassen sich diese KP im Zweifelsfall doppelt nutzen, um mit einem Infanteristen oder Fahrzeug mehrfach pro Runde zu ziehen. Dabei gehen jedoch nach und nach dessen Aktionspunkte flöten, bis er nur noch ein/zwei Meter weit kommt.

Im Grunde eine gute Idee, die viele taktische Möglichkeiten bietet. Unter der Lupe ergeben sich da nur einige kleine Probleme, läuft die Steuerung doch nicht ganz so flüssig, wie sich manch einer das vielleicht wünschen mag. Die Bewegungen der einzelnen Soldaten, vor allem jedoch die Fortbewegung der Panzer entpuppt sich hin und wieder als Qual. Figuren und Fahrzeuge bleiben oft an unsichtbaren Ecken und Kanten hängen, Lücken im Gemäuer lassen es trotz visueller Eindeutigkeit nicht zu, dass man durch sie hindurchschießt, oder aber die Kamera dreht frei, was es euch schwer macht, den Überblick beim Vorrücken zu bewahren.

Das stellt sich als echtes Problem dar, speziell bei den Panzern, die in der Koordination mit der Kamera oftmals ihre Steuerung und damit die Fortbewegungsrichtung ändern. Kippt die Kamera beispielsweise einen Tick zu weit nach rechts, fährt euer Schützenpanzer plötzlich in die falsche Richtung, da das Spiel denkt, ihr wollt rückwärtsfahren. Bereits wenige Millimeter verändern den eingeschlagenen Weg des Fahrzeugs. Da es in Valkyria Chronicles 4 absolut notwendig ist, sich richtig zu platzieren, kann dies mitunter zu unerwünschtem Ableben und damit Frust führen.

Grafik: Matschige Gemälde

In den besten Momenten sieht Valkyria Chonicles 4 wie eine hübsche Zeichnung aus, in anderen Fällen äußerst detailarm und fad. Der comichafte Stil mit der mal feinen, mal groben Strichführung verfügt zwar über eine gewisse Schönheit, verfällt jedoch immer wieder in kruden Pixelmatsch. Es ist schwer, sich an dieser Darstellungsform zu erfreuen, besonders wenn es um die Nahsicht geht. So sind zum Beispiel viele der Figuren kantig, beinahe schon hässlich, und fügen sich erst auf dem Schlachtfeld, für kurze Momente, formschön ins Ganze ein.

Unterhaltungen und Videos innerhalb des Spiels bestehen fast durchgängig aus einzelnen Bildern, die lediglich minimal animiert wurden. Im Zusammenspiel mit der Flut aus Texten, die über euch zwischen jeder Schlacht hereinbricht, kann dadurch die Aufmerksamkeit durchaus flöten gehen. Es kam immer mal wieder vor, dass ich semiwichtige Gespräche einfach weggedrückt habe, weil es mir schwerfiel, mich visuell für das Gesehene zu begeistern, und die Konzentration bei dem Versuch abdriftete.

Bei den Schlachtfeldern sieht es ähnlich aus. Von Weitem oder in der Draufsicht ganz nett, aus der Nähe schwer erträglich. Nichtsdestoweniger möchte ich das Spiel nicht als hässlich bezeichnen. VC4 ist im Großen und Ganzen stimmig. Man sollte lediglich einzelnen Objekten besser keine größere Aufmerksamkeit widmen. Angesichts von Textblöcken wie "Ratatata", "Booom" und "Vrrm Vrrm" gibt sich der Titel fast schon den Anschein, ein Comic zu sein.

Umfang: viele Stunden später

Valkyria Chronicles 4 ist in Sachen Umfang ein Hit. Die lange Hauptgeschichte ist selbst mit Überspringen der meisten Textpassagen noch immer ansehnlich. Über 18 Kapitel mit manchmal mehr als einer Mission gibt es zu bewältigen. Hinzu kommen jede Menge kleinere Scharmützel, die dazu dienen, eure Soldaten zu leveln, sowie Truppengeschichten, die euch einen besseren Einblick in die Psyche der Truppe gewähren und zudem ihre Potenziale verbessern oder ihr neue ermöglichen.

Gameplay of the Day: Valkyria Chronicles 4 - Eine komplette Mission aus Valkyria Chronicles 4
Heute bei "Gameplay of the Day": Eine komplette Mission aus Valkyria Chronicles 4 auf der Nintendo Switch.

Potenziale sind quasi die Talente oder auch Probleme der Kämpfer – körperliche wie geistige. Je nach Vorgabe kann es passieren, dass sich einzelne Werte des Charakters erhöhen oder aber verschlechtern. Eine Soldatin, die gerne mal tiefer ins Glas guckt, muss plötzlich ihren Zug beenden, weil sie zu betrunken ist. Ein Panzerabwehrsoldat ist so stark, dass sich die Körperkraft auf seinen Umgang mit dem Raketenwerfer auswirkt, er also die Panzerung des Gegners schlichtweg ignoriert.

Durch diese Potenziale kommt etwas Vielfalt ins Spiel. Die Möglichkeit, die Soldaten zu trainieren, zu befördern und in optionalen Missionen ihre Fähigkeiten zu verbessern, erlaubt nicht nur eine größere Portion Abwechslung, sie verschafft ebenfalls eine stärkere Verbundenheit mit den Figuren.

Hinzu kommen viele Waffen und Ausrüstungsgegenstände, die ihr erforschen, vom Feind konfiszieren und vom Hauptquartier als Belohnung für eine besonders gut gelungene Mission erhalten könnt, sowie jede Menge Zubehör, mit dem sich die Werte der Soldaten euren eigenen Vorstellungen anpassen lassen. Und habt ihr die Kampagne durch, werden neue Herausforderungen und Scharmützel freigeschaltet, die mehrere Stunden in Anspruch nehmen können.

Sauer aufstoßen dürfte es euch lediglich, wenn es darum geht, all diese Dinge auszuwählen, einzustellen und zu überprüfen. Das Menü ist leider recht unübersichtlich. Waffen direkt miteinander zu vergleichen, ist nicht möglich, zudem kommentieren einzelne Figuren jede Aktion, die ihr macht. Viel Spaß dabei, zwanzig neue verfügbare Ausrüstungsgegenstände zu entwickeln, wenn der entsprechende Offizier nach jeder Erforschung erst einmal einen von maximal drei Sätzen dazu ablassen muss – natürlich spielecht mit eingeblendetem Bild seines Gesichts und Textblock darunter.

Könnte dichinteressieren

Kommentarezum Artikel