Test - Directive 8020 – The Dark Pictures 5 : Test: Im Weltraum hört dich niemand sterben
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Ursprünglich erschienen die interaktiven Horror-Kurzgeschichten der Dark Pictures Anthology im Jahresrhythmus. Für Teil 5 ließen sich die Entwickler von Supermassive Games nun etwas länger Zeit. Immerhin dreieinhalb Jahre sind seit dem letzten Serien-Eintrag The Devil in me (Test) vergangen, den wir seinerzeit als den bis dato schwächsten Teil der Reihe einstuften.
Ob die zusätzliche Entwicklungsdauer der Qualität von Directive 8020 gut getan hat, klären wir im Test. Oder auch nicht. Denn wer sich eben schon dachte „Was für ein Unsinn! The Devil in me war doch super“, bringt damit implizit auch zum Ausdruck, dass bei den Dark-Pictures-Spielen auch Vieles von den ganz persönlichen Vorlieben für Genre, Setting und Erwartungshaltung abhängt. Das derzeitige Wertungsspektrum zwischen 5/10 und 9/10 spricht darüber Bände. Schauen wir mal, wo dazwischen du dich einordnen würdest.
Das Alien aus einer anderen Welt
Directive 8020 stellt euch vor eine Ausgangssituation, wie sie, der pessimistischen Weltlage geschuldet, in letzter Zeit häufig in Videospielen anzutreffen war – vor gerade mal zwei Wochen etwa erst in auffällig ähnlicher Form im Sci-Fi-Abenteuer Aphelion (Test) von Don’t Nod: Die Erde ist in naher Zukunft für Menschen nahezu unbewohnbar geworden. Als letzte Hoffnung bricht das Raumschiff Cassiopeia zum fernen Planeten Tau Ceti f auf, um es auf eine mögliche Kolonialisierung vorzubereiten.
Doch natürlich geht dabei etwas gewaltig schief: Kurz vor der Ankunft schlägt ein Meteorit ein, weckt die Besatzung vorzeitig aus dem Kälteschlaf und setzt eine rätselhafte organische Substanz frei, die ihre fleischig wabernde Masse unaufhaltsam durchs Schiff wuchern lässt.
Und noch während die Crew versucht, verzweifelt den Absturz auf dem Planeten zu verhindern, ereignen sich unheimliche Vorkommnisse: Besatzungsmitglieder verhalten sich merkwürdig, verharren stundenlang wie abwesend in der Haltung und legen auf einmal aggressives, gar mörderisches Verhalten an den Tag. Unterdessen breitet sich die außerirdische Substanz immer weiter auf dem Schiff aus und wächst zu abartig entstellten, fleischigen Monstern heran, die Jagd auf euch machen.
Jedes Spiel der Dark Pictures Anthology versteht sich bekanntermaßen als Hommage an die Tradition einer bestimmten Unterkategorie des Horror-Genres, und unverkennbar eifert Directive 8020 den Sci-Fi-Beiträgen zum Monster-Flick wie Alien und Event Horizon nach: Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe wehrloser Personen sieht sich in der klaustrophobischen Enge eines Raumschiffes ohnmächtig einer tödlichen, außerirdischen Bedrohung ausgesetzt – ein Szenario, wie es Videospiele in den letzten Jahren beinahe inflationär zitierten, von Dead Space über Alien: Isolation und Prey bis The Callisto Protocol.
Dass sich Directive 8020 aber gerade nicht in die lange Schlange der „noch so ein Alien-Klon“-Spiele einreihen muss, ist dem Glücksgriff der Entwickler geschuldet, zwar dessen Setting als Bühne auszubreiten, darauf jedoch eine Geschichte zu inszenieren, die eher dem „Ding aus einer anderen Welt“ und seiner psychologisch facettenreicheren Paranoia-Dramaturgie folgt.
Wie es in den besten Horrorfilmen der Fall ist, wird der Schrecken durch die Monster so lediglich zum Auslöser für Konflikte, die sich vielmehr zwischen den Menschen, ihren widersprüchlichen Zielen, gegensätzlichen Persönlichkeiten, ihren innersten Ängsten und einem zutiefst verwurzelten Misstrauen gegenüber einer Welt ausdrücken, in der Lügen einen Schein aufrecht erhalten, der Hoffnung schaffen soll, aber maßgeblich zum Niedergang der ganzen Menschheit beitrug.
Und das macht Directive 8020 vor allem auch deshalb so spannend, weil sich die Geschichte dadurch direkt auf seine zentrale Form vom Gameplay der Entscheidungen und Konsequenzen auswirkt: Welchem eurer Kameraden könnt ihr überhaupt noch vertrauen, und wer steht bereits unter dem Einfluss der Alien-Hypnose? Und wie viel seid ihr im Falle eines Irrtums bereit zu opfern, erst recht wenn das eigene Leben davon abhängt?
Directive 8020 stellt diese Fragen in einem clever arrangierten Versuchsaufbau der streng militärisch organisierten Hierarchie einer Raumschiff-Besatzung, in der die Floskeln vom Teamwork und gegenseitigem Aufeinander-Verlassen-Können zur täglichen Parole gehören, aber diese plötzlich genau den Kern der Bedrohung ausmachen.
Wo die Entscheidungen in den bisherigen Dark-Pictures-Spielen oft beliebig schienen, wird jede Weggabelung in Directive 8020 zum gnadenlosen Vabanque-Spiel der ständigen Ungewissheit, gerade womöglich einen fatalen Fehler zu begehen. Vertrauensvorschuss kann hier tödlich enden, aber Alleingänge sind es zwangsweise irgendwann auch.
Clever fällt auch die Erzählweise aus, die zwischen der ausgiebigen Exposition der Charaktere und ihrer Befindlichkeiten immer mal wieder kurzzeitig in die Zukunft springt zu Momenten, als die Situation bereits völlig aus dem Ruder gelaufen ist, und so das behutsame Aufbauen der Persönlichkeiten durch den Horror kontrastiert, der sie noch nichtsahnend erwartet.
Dabei schlägt auch von Vorteil zu Buche, dass wir es endlich mal nicht mit dem üblichen Grüppchen austauschbarer, eitler Teenager-Bratzen zu tun haben, denen wir den schnellen Bildschirmtod fast schon wünschen. Stattdessen schickt Directive 8020 glaubhafte Menschen ins Rennen, an deren Schicksal wir wahrhaft ein Interesse entwickeln und deren Persönlichkeiten wir gar durch unsere Entscheidungen zaghaft zwischen zwei Polen ihrem Schicksal entgegen pendeln lassen: Verhält sich die Ärztin eher rational oder macht sie auch mal einen aufmunternden Scherz? Verlangt der Kommandant eiserne militärische Disziplin oder lässt er väterliche Fürsorge walten? Und was davon ist in der aktuellen Extremsituation sinnvoller?
Mit seinem Figuren-Ensemble gelingt Directive 8020 sogar zwischen den Zeilen ein mahnender Kommentar auf skrupellose Tech-Milliardäre und macht damit ganz nebenbei eindrücklich bewusst, wie erstaunlich prophetisch bereits der Film Aliens im Jahre 1986 die bedrohlichen Ambivalenzen von Personen wie Elon Musk vorweggenommen hat, denen im visionären Streiten um die Zukunft der Menschheit ausgerechnet die Menschlichkeit selbst abhanden kommt.
Was es zu meckern gibt
Da drücke ich auch gerne noch ein Auge zu, wenn so manche überraschende Wendung gegen Ende umso weniger Sinn ergibt, je länger man darüber nachdenkt. Wer von Logiklöchern im narrativen Schmelz schnell unter Zahnschmerzen leidet, mag dazu weniger in der Lage sein – womit wir wieder bei den eingangs formulierten Geschmacksfragen und persönlichen Vorlieben wären, mit denen jede Episode der Dark-Pictures-Spiele im subjektiven Ranking steht oder fällt und die jeder für sich selbst festlegen muss.
Denn natürlich wird auch diesmal wieder jeder Spieler seine individuellen Haare in der Suppe finden, an dem er sich verschluckt oder eben nicht. Abermals etwa lässt Supermassive Games viel Potenzial liegen, weil die sorgsam aufgebauten Schicksale der Charaktere nicht in emotionale Momente des menschlichen Miteinanders münden, sondern in der üblichen Materialschlacht gegen Monster und Mumpitz.
Auch die sterilen Gänge des Raumschiffs hinterlassen den Eindruck, die Entwickler versuchten nach den mittelprächtig erfolgreichen Vorgängern etwas Geld zu sparen. Grafisch jedenfalls wirken die blank polierten Wände, oftmals gleichen Orte und mitunter lieblos scheinenden Gesichtsanimationen weniger beeindruckend als etwa noch das bombastisch inszenierte The Casting of Frank Stone (Test) zuletzt. Dass im Zuge dessen auch der sonst immer höchst launige Zwei-Spieler-Koop-Modus gestrichen wurde, lag womöglich nicht nur an den Sparmaßnahmen, sondern auch daran, dass er sich nicht mit dem Stealth-Gameplay des Spiels vertragen hätte - das auch nicht jedem vollständig munden wird. Was uns zum nächsten Thema bringt ...
Schleich-Gameplay oder Schleich dich, Gameplay?
Denn auch in Sachen Gameplay betritt Directive 8020 dergestalt Neuland in der Reihe, dass es erstmals überhaupt eines gibt, das ansatzweise diesen Namen verdient. Vorbildern wie Alien: Isolation geschuldet, spielt ihr in gelegentlichen Schleich-Passagen Verstecken mit den Monstern.
Meine anfängliche Befürchtung, solcherlei Stealth-Szenen könnten im Widerspruch zum narrativen und entscheidungsgetriebenen Kern des Spieles stehen und diesen behindern, erweist sich gottlob als unbegründet. Weder fallen sie sonderlich schwer oder zahlreich aus, um als Störfaktoren in Erscheinung zu treten. Stattdessen setzen sie pointierte Spannungsnadelstiche, die zudem den Vorteil aufweisen, die ansonsten eher lästigen Quicktime-Reaktionsspielchen fast vollständig zu ersetzen.
Abgesehen davon lassen sie sich, genau wie jeder einzelne Aspekt des Spiels, im Schwierigkeitsgrad vollkommen den eigenen Vorlieben anpassen. Wer erwischt wird, erleidet nicht zwangsweise den Bildschirmtod, sondern bekommt je nach Einstellung einen oder mehrere weitere Versuche oder spult die Szene einfach zurück, um es nochmal zu probieren.
Generell lässt sich jede Entscheidung per Tastendruck wieder rückgängig machen, falls man mit den Konsequenzen nicht zufrieden ist oder ein Charakter ums Leben kommt. Ein Diagramm im Menü gibt gar die Möglichkeit, direkt an jeden Entscheidungsmoment des Spielverlaufs zurückzuspringen, um eine alternative Route im Handlungsbaum zu gehen.
Ob und wie oft man davon Gebrauch machen möchte, obliegt der eigenen Wahl bzw. Bereitschaft, mit den Konsequenzen final zu leben oder eben nicht. Denn was auf der einen Seite einen willkommenen Komfort darstellt, verführt auf der anderen Seite dazu, sorglos auszuprobieren, was passiert, weil Auswirkungen nie endgültig sind. Weil das Spiel in der Übersichtsgrafik zudem sehr viel transparenter kommuniziert, welche Entscheidungen nötig sind, um bestimmte Handlungsverläufe herbeizuführen, lassen sich zukünftige Spieldurchgänge deutlich einfacher und zielgerichteter planen.
Allerdings entzaubert sich das Spielprinzip dadurch ein Stück weit selbst, weil es ja eigentlich gerade auf der marternden Ungewissheit fußt, nicht zu wissen, was passiert beziehungsweise passieren könnte, zumal Supermassive Games in Directive 8020 einmal mehr ihre Meisterschaft unter Beweis stellen, dass jede noch so unbedeutend wirkende Entscheidung in irgendeiner Weise Folgen haben wird. Das ist man zwar mittlerweile von den Entwicklern gewohnt, sollte aber auch diesmal nicht unerwähnt bleiben.
Greift zu, wenn...… ihr Filme wie Alien und Das Ding aus einer anderen Welt mögt.
Spart es euch, wenn...… euch Logiklöcher Zahnschmerzen bereiten.





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