Special - Balatro ist jetzt erst ab 18 : während EA weiter Lootboxen an Kinder verkauft
- Multi
Schon Helen Lovejoy stellte in den Simpsons die berechtigte Frage: „Kann denn nicht ein einziges Mal jemand an die Kinder denken?!“ Offiziell existieren genau aus diesem Grund Institutionen wie die USK bzw. ihr europäisches Pendant Pan European Game Information, kurz PEGI. Durch ein ausgeklügeltes Alterseinstufungssystem sollen Minderjährige vor potenziell schädlichen Inhalten und Elementen in Videospielen geschützt werden. Bei den Einschätzungen handelt es sich zwar offiziell nur um Vorschläge, viele Länder halten sich aber an sie. Die kürzliche Abstrafung des Poker-Roguelikes Balatro mit einem 18er-Prüfsiegel sorgt bei mir aber für Kopfschütteln – aus diversen Gründen.
In Balatro spielt ihr stets gegen den Computer und müsst immer höher werdende Blinds durch ausgeklügelte Decks übertreffen. Dazu nutzt ihr Multiplikatoren, unterschiedlichste Joker und klassische Poker-Hände. Ein Straight Flush beispielsweise versorgt euch mit deutlich mehr Punkten als ein einfaches Pärchen. Auch wenn dem Spiel die Regeln von traditionellem Poker zugrunde liegen, unterscheidet es sich deutlich vom Kartenklassiker. Vor allem darin, dass kein echtes Geld verwettet wird.
Die offizielle Begründung
Dennoch drückte die PEGI Balatro kürzlich das 18+-Prüfsiegel auf, obwohl noch kurz zuvor die 3+-Einstufung erfolgt war. Das bedeutet letztlich: Das Spiel eignet sich nur für Erwachsene, was an der Darstellung von Glücksspiel liege. In der Begründung heißt es: „Dieses Spiel lehrt - durch Bilder, Informationen und Spielabläufe - Fähigkeiten und Kenntnisse, die beim Pokern verwendet werden. [...] Im Laufe des Spiels lernt der Spieler immer besser, mit welchen Blättern er mehr Punkte erzielen kann. Da es sich um Blätter handelt, die es auch in der realen Welt gibt, können diese Kenntnisse und Fähigkeiten auf ein echtes Pokerspiel übertragen werden.“
Verglichen mit Titeln wie Texas Hold’Em Poker, das ein 12er-Rating hat, liegt hier das Problem also darin, dass Balatro Minderjährigen direkt im Spiel vermittelt, wie Poker funktioniert. Anders ausgedrückt: Es erklärt seine eigenen Regeln. Im Kern ein valider Punkt, auch wenn ich ihn etwas differenzierter sehe: Poker gehört zu den klassischen Kartenspielen und auch wenn es in der Echtwelt klar dem Glücksspiel zuzuordnen ist, halte ich die Einstufung von Balatro für nicht hundertprozentig richtig.
Es handelt sich um ein klar als solches erkennbares fiktives Videospiel mit stark erweiterten Regeln, das zu keinem Zeitpunkt Glücksspiel glorifiziert oder zum Einsatz von Echtgeld aufruft und dessen Zufallselement stark durch die Roguelike-Mechaniken kommt. Der heikle Part ist hier natürlich die Poker-Komponente, die Jugendliche animieren könnte, ihre in Balatro erworbenen Kenntnisse in der Realität auszuprobieren. Damit wirkt das Spiel auf den ersten Blick wie eine Einstiegsdroge für ein weitaus schwerwiegenderes Problem: reale Glücksspielsucht.
Jedoch macht sich das Spiel hier keinesfalls schuldig. Es verleitet euch nicht dazu, immer mehr Geld auszugeben, euch in den Ruin zu treiben und schließlich komplett den Überblick zu verlieren. Verschachtelte Währungssysteme und Gacha-Mechaniken wie beispielsweise bei Genshin Impact existieren ebenfalls nicht. Sicher, der typische „eine Runde noch“-Effekt tritt bei einigen Spielerinnen und Spielern auf. Der entsteht aber aus dem puren Spaß heraus und nicht der perfide hervorgerufenen Hoffnung, doch noch den großen Echtgeld-Jackpot zu knacken.
Die deutsche Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, kurz USK, verwehrte dem Spiel eine kindgerechte Einstufung, stattdessen gab sie Balatro ab 12 Jahren frei. Die Begründung lautet wie folgt: „Das Spiel enthält glücksspielähnliche Elemente und Ausgestaltungen oder vermittelt eine spielhallentypische Atmosphäre. Je nach Ausgestaltung können die Spielinhalte eine positive Einstellung zu echtem Glücksspiel fördern und daher eine Entwicklungsbeeinträchtigung darstellen.“
Hier steht also klar im Vordergrund, einer potenziellen Sucht vorzubeugen und besonders junge Menschen vor einer gesenkten Hemmschwelle zu schützen. Allerdings erkennt die USK an, dass auch die Ausgestaltung wichtig sei, und hier lässt sich Balatro wenig zu Schulden kommen. Es gibt keine übertriebenen Animationen oder anderweitig reizüberflutenden Elemente, wie es beim klassischen Gambling der Fall ist. Vielmehr steht taktisches Geschick bei der Zusammenstellung des Decks im Vordergrund. Genau wie bei unzähligen anderen Kartenspielen, von Magic: The Gathering bis Disney’s Lorcana, die offenbar mit anderem Maß gemessen werden.
Im Jahr 2020 erweiterte die USK ihre Richtlinien explizit im Hinblick auf Glücksspiel. Sehr löblich und überfällig. Die Behörde unterscheidet aber deutlich zwischen „glücksspielähnlichen Spielmechaniken“ und tatsächlichem Gambling. Eben hier passt die Einstufung von Balatro im direkten Vergleich aber nicht. Denn wie bereits erörtert, birgt das Spiel keine versteckten Mechaniken zur Suchterzeugung, wie es bei anderen Titeln eben schon der Fall ist. Um einen konkreten Namen zu nennen: EA Sports FC 25.
Die USK hob die Alterseinstufung des diesjährigen Ablegers der Fußball-Reihe immerhin auf 12 Jahre an, unter anderem wegen der Echtgeldmechaniken und des Drucks, den das Spiel auf die Userschaft aufbaue: „Das Spiel enthält Mechanismen, die bei Spieler*innen einen erhöhten Druck aufbauen können, Käufe zu tätigen. Berücksichtigt werden beispielsweise unübersichtliche In-Game-Shops (z.B. durch mehrere In-Game-Währungen), käufliche Spielvorteile (sog. Pay2Win-Mechanismen) und/oder aufdringliche Hinweise, dass ein Angebot bald abläuft (z.B. durch einen Timer).“ Anders ausgedrückt: Balatro und EA Sports FC 25 stehen für die USK auf derselben Stufe, obwohl einer der beiden Titel ganz klar die Gefahr birgt, euch in eine Suchtspirale zu ziehen, die euch euer echtes Geld aus der Tasche zieht. Da passt etwas ganz und gar nicht zusammen.
Der Heuchelei-Faktor
Ziehen wir diesen Vergleich nun bei der PEGI, fehlt mir endgültig jegliches Verständnis. Schließlich gibt es in EAs Fußball-Reihe echte Gambling-Mechaniken und Lootboxen. Schon seit 2009 existiert in der Fußball-Reihe der Modus Ultimate Team und mauserte sich immer weiter zur Cashcow für den Publisher. Simpel ausgedrückt kauft ihr euch für Echtgeld Kartenpacks, die Spieler beinhalten, die ihr eurem Team hinzufügt. Je mehr Glück ihr bei den Pulls habt, desto stärker ist eure Mannschaft. EA macht sich also nicht nur schuldig, Glücksspielmechaniken zu forcieren, auch Pay-to-Win ist ein deutlicher Bestandteil.
Die Einstufung der PEGI fällt aber fast schon erschreckend lasch aus: Empfohlen wird EA Sports FC 25 allen Spielerinnen und Spielern ab 3 Jahren. Also de facto Kleinkindern. Nun laufen diese vermutlich weniger Gefahr, die Kreditkarte oder Paypal-Daten der Eltern zu klauen und Hunderte Euros in Ultimate Team zu versenken. In späteren Lebensjahren sieht dieser Umstand aber anders aus. Das Argument der „Einstiegsdroge“ gilt daher im gleichen Maße wie in Balatro.
Und wir kennen doch alle den Druck auf Schulöfen. Früher drehte sich alles um die coolsten Pokémon-Karten, die als Echtwelt-Lootboxen die Vorreiter für Konzepte wie Ultimate Team markierten. Heute bist du eben der oder die Coolste, wenn du über das stärkste Team in EA Sports FC verfügst. Da bedient man sich eben schnell mal am Geldbeutel der Eltern oder haut das Taschengeld für Guthabenkarten auf den Kopf. Für viele Kinder und Jugendliche kommt die Erkenntnis erst im Nachhinein viel zu spät: Am Ende hat man viel mehr Geld ausgegeben, als man eigentlich möchte. Typisches Glücksspielverhalten.
Nun ist es nicht so, dass der PEGI dieses Problem egal wäre. In der Einstufung findet es durchaus Erwähnung: „Dieses Spiel bietet den Spielern die Möglichkeit, Spielgegenstände in Form einer Spielwährung zu erwerben, die zum Kauf von zufälligen Kartenpaketen und anderen Spielgegenständen verwendet werden kann. [...] Eltern, Betreuer oder andere verantwortliche Erwachsene sollten überprüfen, was angeboten wird, bevor sie im Namen eines Kindes einen Kauf tätigen. Es ist zu beachten, dass das Spiel auch ohne den Kauf solcher Gegenstände gespielt werden kann.“
Hier finden sich logische Argumente, die aber eben auch gewisse Probleme aufzeigen. Oftmals wissen Eltern gar nicht, was der Nachwuchs vor dem Bildschirm so treibt. Oder es ist ihnen schlicht egal. Nicht selten gestaltet es sich auch einfach deutlich stressfreier, den Kids ein paar Euro in die Hand zu drücken, bevor man sich ewig mit ihnen streitet und Gefahr läuft, sie zum sozialen Außenseiter verkommen zu lassen.
Denn im Gegensatz zu Balatro findet sich EA Sports FC in der Mitte der Gesellschaft. Auch wenn das Indie-Roguelike einer der Überraschungshits des Jahres war, dürften ihn doch deutlich weniger Personen kennen als König Fußball. Hier müsste ein kollektives Bewusstsein bei den Erziehungsberechtigten herrschen, ihren Nachwuchs vor den schädlichen Einflüssen des realen Glücksspiels zu schützen. Außerdem sollte die PEGI in ihrer Alterseinstufung viel stärker berücksichtigen, welche Auswirkungen Ultimate Team auf den Zeitgeist hat. Vom Einfluss von Streamerinnen und Streamern, die vor einem riesigen und oftmals minderjährigen Publikum abertausende Euros verbraten und ihnen so vorgaukeln, Glücksspiel sei cool, will ich gar nicht anfangen.
Mittlerweile nehmen manche Länder die Thematik in die eigene Hand, so geschehen in Belgien und den Niederlanden. Beide Nationen stuften Lootboxen vollkommen zurecht als Glücksspiel ein und verboten sie. Auch in Österreich, Frankreich und den Vereinigten Staaten laufen aktuell immerhin Untersuchungen. In Deutschland gibt es Diskussionen über die Suchtgefahr von Videospielen seit den Zeiten von World of Warcraft.
Nicht nur Schwarz und Weiß
Wie also gehen wir jetzt mit der Causa Balatro um? Sicherlich mag Balatro die Gefahr bergen, seinen Spielern das echte Glücksspiel Poker indirekt „schmackhaft“ zu machen. Doch letztlich muss die PEGI dafür stabilere und besser nachvollziehbare Richtlinien finden, die nicht wirken, als würden sie großen Publishern nach der Pfeife tanzen. Es kann nicht angehen, dass ein fiktives Pokerspiel als nur für Erwachsene eingestuft wird, während Titel wie EA Sports FC oder auch Fortnite Kindern und Jugendlichen Abermillionen aus den Taschen ziehen und sie potenziell in eine moderne Form der Spielsucht treiben, während Balatro lediglich Regeln eines seit Jahrhunderten existierenden Kartenspiels adaptiert und diese dabei sogar so stark umdichtet, dass der ursprüngliche Glücksspielaspekt gar keine Rolle mehr spielt. Hier herrscht eine massive Diskrepanz, mit der durchaus wichtige Institutionen massiv an Glaubwürdigkeit einbüßen.
LocalThunk, der Ein-Mann-Entwickler hinter Balatro, zeigt sich wenig begeistert von der Entscheidung und kommentiert sie süffisant: „Da PEGI uns ein 18+-Rating gegeben hat, weil wir böse Spielkarten haben, sollte ich vielleicht Mikrotransaktionen/Lootboxen/echtes Glücksspiel hinzufügen, um das Rating auf 3+ zu senken, wie EA Sports FC.“
Since PEGI gave us an 18+ rating for having evil playing cards maybe I should add microtransactions/loot boxes/real gambling to lower that rating to 3+ like EA sports FC
— localthunk (@LocalThunk) December 15, 2024
Diese Aussage ist zweifellos überspitzt und provokant formuliert, aber ganz ehrlich: Ich verstehe ihn. Online finden sich abertausende Poker-Spielchen, Bücher und Videos, die frei zugänglich die Regeln des Spiels erklären. Noch dazu zieht euch Balatro nicht durch unlautere Methoden das Geld aus der Tasche. Es wirkt fast schon so, als würde die PEGI bei echtem Glücksspiel bewusst in die andere Richtung sehen, während ein kleines Indie-Spiel ohne große Anwälte im Rücken ein leichtes Ziel für ein seltsames Exempel herhalten muss.
Jugendschutz ist und wird immer ein wichtiges Thema sein. Allerdings trifft es in diesem speziellen Fall meiner Meinung nach den Falschen. Andere Spiele fahren absichtlich verwirrende und suchterzeugende Mechaniken auf, um ihre Userschaft schnell in die Spirale aus Echtgeldkäufen zu locken, Balatro macht sich dieser Unart definitiv nicht schuldig.
Abschließend ist mir eine Klarstellung extrem wichtig: Glücksspielsucht ist ein ernstes Problem, zerstört komplette Existenzen und sollte so schnell wie möglich behandelt werden. Seid ihr betroffen, findet ihr bei der BZgA-Telefonberatung zur Glücksspielsucht unter diesem Link Hilfe: https://www.bzga.de/service/infotelefone/gluecksspielsucht/


Kommentarezum Artikel