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Test - Dispatch : Test der finalen Staffel: So gut wie alle sagen?

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Na? Hast du die neuen Episoden von Dispatch auch jede Woche direkt verschlungen? Oder gewartet, bis die Staffel nun endlich vollständig ist, um sie am Stück zu genießen? Bzw. erstmal die Tests abgewartet, ob das fertige Spiel wirklich so gut ist, wie alle zu Beginn behaupteten? Dann beruhigt es dich sicher zu hören: ja, ist es.

Dispatch muss man in Aktion erleben, um es gebührend zu würdigen. Die Screenshots geben seine Pracht nicht annähernd wieder. Schon viele Spiele versuchten sich in der Vergangenheit an einem Zeichentrick-Look, doch sahen sie in der Regel eben immer noch deutlich erkennbar nach 3D-Computergrafik aus, die ihren Stil lediglich durch einfarbige Flächen und umrandete Cel-Shading-Linien markierten. Dispatch dagegen wirkt in jeder Sekunde wie ein echter, aufwändig animierter Anime und das in einer Qualität, die einem regelmäßig den Atem raubt.

Die Entwickler bei Adhoc Studio setzen sich aus ehemaligen Telltale-Mitarbeitern zusammen und waren ganz offensichtlich gewillt, die erzählerische Tradition fortzuführen, die sie dort gelernt haben, diese aber in jederlei Hinsicht auf ein völlig neues Level zu hieven – bei der grafischen Qualität, der spielerischen Innovation und erzählerischen Tiefe.

Auch der Gepflogenheit, ihre Spiele in Episoden zu veröffentlichen, blieben sie treu, allerdings nicht wie einst in monatelangen Abständen, sondern im Wochenrhythmus wie bei einer klassischen TV-Serie, um den WTF-Moment der Cliffhanger nachhallend wirken zu lassen und den Nervenkitzel zu schüren, wie es nächste Woche weitergeht. Die letzte Folge ist soeben endlich erschienen und die Staffel damit komplett.

Büroalltag der Superhelden

Ihr schlüpft in die Rolle von Robert Robertson, eigentlich ein ganz normaler Typ ohne Superkräfte in einer Welt, in der Superhelden und -schurken zum Alltag gehören. Trotzdem ist er in seinem Mech-Anzug à la Iron-Man der größte Held von allen – bis er eines Tages von einem Bösewicht besiegt und so gezwungen wird, einen schnöden Bürojob anzutreten. In einer Agentur für Superhelden.

Wann immer in der Welt von Dispatch jemand ein Problem hat, ruft er nicht die 110, sondern seinen persönlichen Superhelden zu Hilfe. Diesen vermittelt ihr als Disponent (engl. „Dispatcher“) an der Notruf-Hotline nach Möglichkeit passend zum Auftrag ähnlich wie im Noir-Adventure This is the Police: Um eine außer Kontrolle geratene Demonstration zu schlichten, eignet sich am besten die wortgewandte Teufel-Lady, zum Verhaften der schwer bewaffneten Einbrecher braucht es einen Helden mit Muckis aus Stahl, und die Verletzten einer Massenkarambolage sollte ein Charakter aus eurem Team ins Krankenhaus bringen, der so schnell unterwegs ist wie The Flash. Bei erfolgreichen Einsätzen steigen eure Helden im Level auf, entwickeln neue Spezialfähigkeiten und vertiefen ihre Synergien mit gleichgesinnten Teamkollegen.

Abseits dieser Gameplay-Intermezzi aus Wirtschaftssimulation und Rollenspiel ist Dispatch aber natürlich ein interaktiver Zeichentrickfilm nach Art der Telltale-Spiele: Ihr trefft gelegentliche Entscheidungen, die meist kaum spürbare, in Einzelfällen aber auch wegweisende Auswirkungen haben wie die Wahl eures Love-Interest am Arbeitsplatz oder euch die Bürde auferlegen, welcher Mitarbeiter im Zuge von Umstrukturierungen gefeuert werden soll.

Letztere Beispiele machen deutlich: Wenngleich Dispatch vordergründig eine Geschichte vom Kampf edler Superhelden gegen böse Superschurken erzählt, handelt es in seinem Kern vielmehr von ganz alltäglichen Begebenheiten und Problemen: den zwischenmenschlichen Konflikten am Arbeitsplatz, der schwierigen Selbstfindung angesichts eines Schicksalsschlags in der Lebensplanung und nicht zuletzt den Fallstricken der Liebe in Zeiten, in denen sich jeder selbst der Nächste ist.

Dispatch ist Fantasy-Epos und Anime-Action zugleich, The Boys meets Akira, aber tief im Inneren eigentlich eher Büro-Satire nach Art von Stromberg und The Office, sowie Seifenoper und Workplace-Komödie zwischen Ally McBeal und Scrubs. Und das voller Herz, Seele und Emotionen.

Aber Vorsicht: Is’ cool, Superman!

Darum pfeifen wir doch einfach auf das nüchterne Aufzählen von Fakten und Features. Dispatch packt euch da, wo das pure Gefühl sitzt und nur darum geht’s hier. Allein schon die Eröffnungsszene: der Kampf zwischen Mecha-Man und seinem Erzfeind – einfach nur geil, wie spektakulär das in diesem Anime-Look aussieht! Die Begegnung mit eurer verführerischen blonden Chefin Blonde Blazer – einfach nur herrlich, wie schonungslos romantisch sich ein Videospiel zur Abwechslung mal geben und dabei sogar aufrichtig erotisch sein darf, ohne billig oder voyeuristisch zu wirken. Selbst für eine weibliche Masturbationsszene fehlte den Entwicklern nicht der Schneid.

Der Cliffhanger mit dem Tod einer sympathischen Nebenfigur: herzzerreißend! Die Kappeleien unter den missgünstigen Kollegen: geschliffen und zum Schreien komisch! Die Kneipenschlägerei-Szene: meine Fresse, wie cool! Euer Team aus Superhelden-Kollegen: so liebenswert, dass man jede freie Minute mit ihnen verbringen will. Das Selbstmitleid des eingebildeten Superman, nachdem seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat: Respekt, wie es den Autoren gelingt, so viel Tiefe und Scharfsinn in solch kurze Szenen zu pressen, ohne dass es überladen, gehetzt oder aufgesetzt wirkt.

Dispatch ist das Werk wahrer Meister der Videospiel-Erzählkunst. Hier ist jede einzelne Szene auf den Punkt, wechselt scheinbar mühelos zwischen großem Pathos, zarten Gefühlen und zutiefst menschelndem Drama, ohne sich im Wechselbad der Gefühle einen Drehwurm zu holen.

Beeindruckend, wie die Autoren einem ganzen Ensemble aus Charakteren gerecht werden und dabei selbst kleinen Nebenfiguren ihren gebührenden Raum zugestehen: der schüchterne Waterboy, der damit hadert, dass seine Superkraft reichlich nutzlos ist; der brennende Fire-Man, der auf Menschen ohne Superkräfte elitär herabblickt und sich dadurch zum rassistischen Störenfried der Truppe macht; die aufmüpfige Invisigal, die ihre Kraft der Unsichtbarkeit missbraucht, um ihre Mitmenschen und Freunde zu belauschen, und sich dadurch in eine moralische Grauzone begibt, in der sie gefährlich nahe an die Rolle der Schurkin statt der Heldin rückt.

Aus großer Kraft folgt große Story-Verzweigung

Viel mehr will ich eigentlich gar nicht erzählen. Ihr solltet es selbst erleben. Gäbe es auch was zu meckern? Sicherlich. Manch einer wird die regelmäßigen Management-Abschnitte, in denen ihr als Hotline-Mitarbeiter eure Heldenkollegen auf Einsätze schickt, als störend empfinden, und tatsächlich wirkt es mitunter so, als existierten sie nur, weil die 10 Stunden Spielzeit ohne sie nur halb so viel wären. Oder es sonst zu wenig zu tun gäbe.

Denn Entscheidungen trefft ihr auffällig wenige und selbst wenn, dann beschränken sie sich oft auf Dialogzeile gewordene Kalenderblattsprüche, die euren frustrierten Kollegen Mut zusprechen sollen – passend allerdings in einem Genre, in dem der Kalenderspruch von der großen Kraft, aus der große Verantwortung folgt, zum Kanon der ikonischsten Zitate gehört.

Gerade mal eine Handvoll Entscheidungen münden in spürbare Handlungsverzweigungen, dafür dann aber auch gleich saftig: welchen Mitarbeiter ihr etwa in eine frei gewordene Stelle befördert oder mit welcher Kollegin ihr eine Liebelei am Arbeitsplatz beginnt – der aufreizenden Vorgesetzten oder der rebellischen Außenseiterin? Die Auswirkungen fallen immerhin so tiefgreifend aus, dass ich mich jetzt schon auf meinen zweiten kompletten Spieldurchlauf freue.

Die Quicktime-Events während der Actionszenen, die abseits davon immerhin noch fadenscheinig was zu tun geben, habe ich nach nur wenigen Minuten in den Optionen ausgeschaltet, um nicht von den sagenhaft inszenierten Zwischensequenzen abgelenkt zu werden.

Bleibt abschließend eigentlich nur noch das exzellente Sprecher-Ensemble zu erwähnen mit Aaron Paul (Breaking Bad) in der Hauptrolle. Jeffrey Wright veredelte bereits so manchen Hollywood-Film durch seine Nebenrollen etwa als Lt. Gordon in The Batman oder Felix Leitner in den neueren James-Bond-Abenteuern. Laura Bailey als Invisigal kennt man wiederum bereits als Abby in The Last of Us 2 oder Mary-Jane in Spider-Man 2, und Erin Yvette in der Rolle der resoluten Vorgesetzten sprach auch schon das Schneewitchen in The Wolf among Us sowie zuletzt Scylla in Hades 2.

Worauf wartet ihr jetzt noch? Los geht’s! Zumal die komplette Staffel nur 29 Euro (PC) bzw. 35 Euro (PS5) kostet.

Greift zu, wenn...

… ihr Lust auf einen sagenhaft schönen, großartig erzählten Superhelden-Anime zum Mitspielen habt. Hier ist er!

Spart es euch, wenn...

… ihr interaktiven Spiel-Film-Hybriden grundsätzlich nichts abgewinnen könnt.

Fazit

Matthias Grimm - Portraitvon Matthias Grimm
Und noch ein Spiel-des-Jahres-Kandidat

Als wäre 2025 auch ohne GTA 6 nicht schon mit Spiel-des-Jahres-Kandidaten ausreichend gesegnet, von Clair Obscur über Split Fiction, Blue Prince bis ARC Raiders, gesellt sich nun auch noch Dispatch als später Neuzugang in den Reigen herausragender Titel dieses exquisiten Jahrgangs.

Der Zeichntrick-Stil im Anime-Look fällt schlicht sensationell aus. Die Geschichte über eine gescheiterte Bande von Superhelden pendelt meisterlich zwischen actiongeladenem Comic-Epos, herzzerreißender Dramödie und bissiger Büro-Satire. Und die brillant gezeichneten Charaktere wachsen einem dabei so sehr ans Herz, dass man am liebsten jede freie Minute mit ihnen verbringen möchte. Oder zumindest einen zweiten Spieldurchlauf.

Denn Telltale-typisch stellt ihr mit euren Entscheidungen die Weichen für wichtige Story-Verzweigungen wie die Wahl eures Love-Interests am Arbeitsplatz – die aufreizende Vorgesetzte oder die rebellische Außenseiter-Kollegin – oder seht euch in der Zwickmühle gefangen, welcher Angestellte im Zuge von Einsparmaßnahmen gefeuert wird. Dispatch wechselt scheinbar mühelos zwischen großem Pathos, zarten Gefühlen und zutiefst menschelndem Drama, ohne sich im Wechselbad der Gefühle zu verschnupfen, und traut sich dabei auch noch aufrichtig romantisch und mitunter sogar erotisch sein zu dürfen.

>> Es geht auch anders: Die 10 schlechtesten Superhelden-Spiele <<

Ankreiden ließe sich dem höchstens, dass sich die wirklich nachhallenden Entscheidungen an einer Hand abzählen lassen und der Management-Part, bei dem ihr eure Superhelden-Angestellten wie im Noir-Adventure This is the Police auf Einsätze schickt, auf Dauer vor allem die Spielzeit auf die angepeilten 10 Stunden bringen soll. Aber für lediglich ca. 30 Euro ist das mehr als man verlangen kann.

Überblick

Pro

  • sagenhaft imposanter Zeichentrick-Look
  • großartig geschriebene Geschichte zwischen Comic-Epos, Büro-Satire und Seifenoper
  • liebenswerte, vielschichtige Charaktere
  • professionelle Sprecher (u.a. Aaron Paul aus Breaking Bad)
  • verzweigende Story, die zu zwei Durchgängen motiviert
  • nettes Management-Feature
  • nur ca. 30 Euro

Contra

  • relativ wenig zu tun
  • insgesamt nur 5 wirklich bedeutsame Entscheidungen
  • Management-Part spielerisch etwas seicht

Awards

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