Test - Inzoi : Test: Warum Die Sims (noch) keine Angst haben muss
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Inzoi hätte mir als Kind die Kinnlade runterklappen lassen und selbst heute muss ich mich anstrengen, um den Mund geschlossen zu halten. In den ersten Trailern sehen nicht nur die Zoi (Inzois Variante der Sims) unglaublich detailverliebt und realistisch aus, sondern auch die Umgebungen im Live- und Bau-Modus. Während Die Sims immer mehr auf Comic-Grafik setzen, bekomme ich hier eine Lebenssimulation, die sich bewusst die echte Welt zum Vorbild nimmt.
Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es zum Teil auch. Denn Inzoi träumt groß und wird seinen Ambitionen nur selten gerecht. Im Test kläre ich, warum das Spiel trotzdem kein Reinfall ist und wer dennoch viel Spaß damit haben kann.
Ein Editor zum Verlieben
Inzoi spielt bei seinem Setting bewusst damit, dass ich mich in einer Simulation befinde. Ich starte mein neues Leben nämlich nicht in der scheinbar echten Welt, sondern in einer Computer-Variante, die von einer Firma im Spiel als AR-Erlebnis verkauft wird.
So erklärt das Spiel auf charmante Art, warum eben doch nicht alles so realistisch ist. Ein cooles Detail, das mein Zoi zum Teil sogar in Gesprächen aufgreifen kann. Eine richtige Story entspinnt sich daraus aber nicht - die Geschichte schreibt sich wie in anderen Lebenssimulationen durch die Erlebnisse meines Zois.
Den erstelle ich zu Beginn übrigens in einem umfangreichen Editor, der mit zu dem besten gehört, was Spiele heutzutage abliefern können. Alleine die vielfältigen Vorlagen strotzen nur so vor Details. Über unterschiedliche Menüs oder mit feinen Reglern passe ich dann, wenn ich will, aber wirklich nochmal jedes kleine Detail vom Muttermal, übers Augen-Make-up bis hin zur Nasenform an. Alles lässt sich unkompliziert und intuitiv nach den eigenen Wünschen anbringen, ziehen und modellieren.
Looks und Outfits fühlen sich dabei deutlich stilsicherer und zeitgemäßer an als die Kleidung in Die Sims. Inzoi erlaubt mir zudem, für jede Situation (zum Beispiel Sport, Ausgehen, Sommer oder Winter) passende Klamotten einzustellen und diese noch mit Accessoires zu verschönern. Dank einer großen Auswahl und vieler Kombinationsmöglichkeiten verbringe ich hier gerne meine erste Spielstunde. Die Ambitionen und Wünsche für meinen Zoi (Selbstbestimmung und Kunst) sind dafür schnell gewählt. Dann kann es auch schon losgehen.
Innenarchitektur statt Möbel-Baukasten
Anfangs wähle ich zwischen zwei Ortschaften - einer amerikanisch und einer asiatisch angehauchten. Beide Städte bieten mehrere typische öffentliche Grundstücke - im Fall des von Korea inspirierten Dowon zum Beispiel buddhistische Tempel oder Convenience Stores, sowie potenzielle neue Zuhause, die ich mir selbst einrichte.
Der Baumodus ist für mich das größte Highlight von Inzoi. Hier funktioniert nicht nur alles reibungslos, es sieht auch noch aus wie direkt aus einem Ikea-Katalog. Durch freies Kombinieren, Färben und Platzieren arrangiere ich Möbel und Deko so, dass meine Umgebung nach einem echten Heim aussieht und nicht nach zusammengewürfelten Assets.
Die schicke Grafik tut ihr Übriges. Fotorealistisch ist Inzoi nicht, aber Lichtstimmung, Details und ein Sinn für Einrichtungstrends sorgen für sehr glaubhafte und stilsichere Gebäude. Alleine, dass ich zum Beispiel Schminkutensilien auf dem Tisch herumliegen lassen oder Bücherstapel und eine an die Nintendo Switch angelehnte Konsole auf dem Nachtisch ablegen darf, trägt enorm zur Atmosphäre bei. Inzoi wirkt deutlich weniger klinisch bei seiner Einrichtung als die stilisierten Sims-Häuser.
Auch die Steuerung funktioniert sehr intuitiv - Wände lassen sich für bessere Sicht anheben oder senken und bei jedem Möbelstück ploppt ein Menü auf, über das ihr es färben, drehen, kopieren und so weiter könnt. Wer trotz allem keine Lust aufs Bauen hat, stellt sich einfach fertige Räume oder gar Häuser hin. Auch eure eigenen Kreationen lassen sich speichern und sogar mit anderen teilen.
Übrigens beeindruckt die Grafik vor allem im Bau-Modus - im Live-Modus sieht alles immer noch schick aus, gerade die Zoi bekommen beim Heranzoomen aber einen eher detailarmen und verwaschenen Look verpasst. Außerhalb der eigenen vier Wände in den belebten Straßen ruckelt es dann auch schon mal ganz schön.
Ablenkung statt Spielspaß
Bisher klingt Inzoi trotzdem noch nach einem absoluten Traum für Fans von Lebenssimulationen - allerdings nur, wenn ich bei der tatsächlichen Simulation beide Augen zudrücke. So wichtig mir das Erstellen von Charakteren und Einrichten von Häusern auch ist, ohne Live-Modus, in dem ich beides aktiv erleben kann, verliert es irgendwann seinen Reiz.
Und genau hier knirscht es bei Inzoi gewaltig. Grundsätzlich funktioniert der Live-Modus genau wie bei Die Sims: Ich suche mir eine Karriere oder gehe vielleicht zur Uni, treffe andere Zoi und finde Freunde oder verliebe mich. Währenddessen darf ich aber natürlich nicht Bedürfnisse wie Hunger, Hygiene oder Schlaf aus den Augen verlieren und muss mich auch um die Wünsche meines Zoi kümmern, die dank ihrer künstlerischen Ambitionen in ihrer Freizeit gerne Malen oder Klavierspielen lernen möchte.
Aber all diese Interaktionen verlaufen nur sehr oberflächlich oder funktionieren im schlimmsten Fall überhaupt nicht. Wo Die Sims durchaus fordernd wird, wenn ich mit verschiedenen Zielen oder Bedürfnissen jongliere, bleibt Inzoi stets seicht und uninspiriert. Stellenweise fühle ich mich wie in einem Mobile Game, wo ich für Dopamin ständig Handlungen ausführen muss, ohne dass es einen echten Effekt hat - eine Beschäftigungstherapie eben.
Alltagstrott im virtuellen Paradies
So leeren sich meine Bedürfnis-Anzeigen nur sehr gemächlich und lassen sich stets schnell und einfach wieder auffüllen. Selbst bei mehreren Zois geht das leicht von der Hand. Komme ich trotzdem mal in Bedrängnis, kann ich im sogenannten Miau-Shop besondere Donuts kaufen, die alle Leisten zum Anschlag füllen oder weitere Boni mitbringen. Die notwendigen Punkte dafür verdiene ich ganz einfach, indem ich die Wünsche meines Zoi erfülle.
Auch das gestaltet sich sehr simpel, weil mein anspruchsloser Zoi meist nur ein Bild malen oder sich selbst loben will. Auch negative Stimmungen, wie traurig zu sein oder sich unbehaglich zu fühlen, bringen keine nennenswerten Effekte mit. Theoretisch lassen sich Fähigkeiten dann schlechter entwickeln, aber hocke ich meinen Zoi vor die Staffelei oder zwinge ihn, ein Buch zu lesen, klappt das trotzdem zügig.
Damit lässt sich ein Großteil der Spielmechaniken schlichtweg ignorieren. Auf Gefühle oder Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen, bleibt in Inzoi rein optional. Auch an anderer Stelle offenbart sich das bröckelige Gameplay-Skelett immer wieder: Dass ich meinen Zoi zur Arbeit begleiten darf, ist an sich eine coole Sache. Dort spule ich dann aber immer wieder die gleichen Aufgaben ab. Nur, um am Ende ein klein wenig mehr Geld zu kriegen, das ich per im Menü integriertem Money Cheat ohnehin endlos haben kann.
Das deprimiert mich besonders, weil ich als Karriere Idol gewählt habe, um zum koreanischen Pop-Sternchen zu werden. Am Ende wurde mein Zoi dann aber zum einfachen Mitarbeiter in der Talentagentur befördert - eine Bühne habe ich nie gesehen. Die überraschenden Geschichten und Erlebnisse, die Sims so einzigartig und individuell machen, fehlen völlig.
Wenn ich öffentliche Orte wie Parks besuche, steht mein Zoi vielleicht rum oder schießt ein Selfie - aber die Sehenswürdigkeiten unterscheiden sich nicht in den Aktionen, die sie mir anbieten. Und auch in Gesprächen fallen die Reaktionen oft identisch aus - egal, ob ich meinem Gegenüber ein Kompliment mache oder ihn zur veganen Ernährung überreden will. So stellt sich schnell eine gewisse Routine und damit auch Langeweile ein.
Viel (verschenktes) Potenzial?
Dabei bringt Inzoi an sich wirklich interessante Ansätze mit. Beispielsweise haufenweise spannende Gesprächsthemen wie die Auswirkung von KI oder die Frage danach, ob mein Gegenüber eigentlich weiß, dass wir uns in einer Simulation befinden. Aktionen wie “heimlich pupsen” verleihen den Figuren Charakter und Inzoi einen Hauch von Rollenspiel.
Und selbst die Events wie Hochzeiten bieten viele aufregende Features: Ihr dürft dafür passende Aktionen wie in einem Film abspielen lassen und sogar öffentliche Orte anpassen und dekorieren. Auch sonst wird Inzoi immer wieder kreativ und erlaubt mir zum Beispiel mithilfe von KI selbst Emotes und Posen für meinen Zoi zu erstellen.
Aber das meiste davon funktioniert eben nicht richtig oder wirkt noch nicht ausgereift genug (meine Hochzeit zum Beispiel blieb bei der Hälfte der Programmpunkte einfach stecken, weil mein Ehemann nicht aufkreuzte; verheiratet war ich dann trotzdem). Spielerisch strotzt Inzoi also ganz grundsätzlich vor ungenutztem Potenzial, aber die Entwickler haben noch eine Menge Arbeit vor sich.
Liefern sie nicht nur mehr Inhalte wie neue Möbel, Events und Aufgaben nach, sondern schrauben tatsächlich an den grundsätzlichen Spielmechaniken, könnte Inzoi den Sims auf lange Sicht aber definitiv noch gefährlich werden.
Greift zu, wenn...… ihr gerne in hübscher Grafik Charaktere und Häuser erstellen wollt und keinen großen Wert auf spielerische Tiefe legt.
Spart es euch, wenn...… euch bei Lebenssimulationen vor allem der Alltag und die Geschichten, die beim Spielen entstehen, wichtig sind - sowie eine strategische Herausforderung.


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