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Test - Syberia Remastered : Test: Der Adventure-Klassiker in beeindruckend neuer Grafik

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Die Neuauflage des 20 Jahre alten Adventure-Spiels Syberia trägt zwar die Bezeichnung „Remastered“. Damit übt sich Entwickler Microids aber in unnötiger Bescheidenheit. Denn angesichts der grafisch beeindruckenden Rundumerneuerung wäre nichts weniger als die Einordnung als vollständiges „Remake“ angebracht. Hier wurde alles aufwändig neu gemacht, und wer die letzten Spiele der Franzosen, wie Syberia: The World Before oder das Amerzone-Remake, kennt, der weiß um die extrem hohe optische Qualität, die man in dieser Hinsicht dort pflegt.

Eine Prozession dunkel gekleideter Gestalten schleppt sich die Dorfstraße eines kleinen französischen Städtchens entlang. Regen prasselt hernieder und taucht die Szenerie in ein fahles Licht, das diese surreale, gespenstische Stimmung hervorruft, von der Syberia über weite Strecken beherrscht ist. Die abgehackten, unmenschlichen Bewegungen des Trauermarsches lassen erkennen: Hier handelt es sich nicht um Menschen, sondern um Roboter und im Falle von Syberia um kein gewöhnliches Spiel.

Mit diesem Absatz begann ich vor ziemlich genau 20 Jahren meinen vermutlich ersten Spieletest überhaupt, der allerdings nie veröffentlicht wurde, weil es sich dabei lediglich um die Arbeitsprobe meiner Bewerbung bei einem seinerzeit großen Spielemagazin handelte. Der Artikel muss wohl gefallen haben, denn den Job habe ich damals bekommen, und somit verdanke ich Syberia in gewissem Sinne auch irgendwie meinen Einstieg in die Spielebranche.

Warum ich ausgerechnet dieses Spiel und diese Szene für meinen ersten Schritt in Sachen Games auswählte, fasst der Schluss des zitierten Absatzes treffend zusammen: „Bei Syberia handelt es sich um kein gewöhnliches Spiel.“ Denn all die Checklisten-Kriterien, auf welche Kritiken zu Adventurespielen der damaligen Zeit für gewöhnlich Wert legten, also Story, Rätsel, Dialoge, behandelte Syberia lediglich nachrangig.

Spiel als Kunst

Im Zentrum stand viel eher etwas, das seinerzeit ganz und gar ungewöhnlich in der Spielelandschaft war: Design und Atmosphäre. Syberia war eines der ersten Spiele überhaupt, das es wagte, die Frage zu formulieren, ob Spiele mehr sein können als profane Unterhaltung, sondern ob sie eine neue Kunstform darstellen.

Das Art-Design der Spielwelt mit ihren mechanischen Robotern und gewaltigen, dampfenden Maschinen mag heutzutage so geläufig sein, dass es dafür mit der Bezeichnung „Clockpunk“ sogar einen eigenen Genrebegriff gibt, 2002, als das Spiel erschien, war es aber noch genauso vollkommen neuartig wie der Ausdruck „Art-Design“ selbst.

Syberia breitet eine Welt vor uns aus, deren Faszination grundsätzlich schonmal darin besteht, dass wir sie zunächst erfahren müssen, um sie erst ganz allmählich zu begreifen: rätselhaft, surreal und eben spürbar anders als die Welt, in der wir leben, oder als die karibischen Inseln, Fantasy-Lande und fernen Planeten, die wir gewohnt waren, in den Spielen der damaligen Zeit zu bereisen. Syberia setzte auf Atmosphäre statt Pathos, auf Mysterien statt Klarheit, auf Besinnlichkeit statt Effekt und durchaus auch auf Schrulligkeit und Eigensinn statt Massentauglichkeit.

Seine Welt steckt voller bizarrer Wunder: Sie wird bevölkert von mechanischen Robotern, die von Zahnrädern und Bolzen gesteuert werden. Sie besteht aus Orten, die seit Ewigkeiten verlassen scheinen, und doch steht da am Bahnsteig dieser einsame Stationsvorsteher, der unermüdlich seinen Dienst verrichtet, obwohl sein Bahnhof seit Jahren keinen Zug mehr gesehen hat. Und euer Zug wird angetrieben nicht durch Strom oder Kohle, sondern indem er wie eine alte Taschenuhr mit einer Schraube aufgezogen wird.

Wie war das damals nochmal, Kate Walker?

In der Rolle der amerikanischen Anwältin Kate Walker sollt ihr eigentlich nur die Übernahme einer alten Spielzeugmanufaktur in einer französischen Kleinstadt abwickeln. Doch schon bald seht ihr euch auf einer unerwarteten Reise quer durch Europa wieder in einem geheimnisvoll mechanischen Zug auf der Suche nach einem verschollenen Erben. Gerüchten zufolge soll er sich im fernen Sibirien aufhalten. Und so macht ihr euch auf die Suche und gelegentlichen Halt an wundersamen Orten wie einem barocken Universitätsgelände, einer russischen Kohlemine und einem sibirischen Kurort.

Syberia spaltete schon bei seinem Erscheinen vor über 20 Jahren die Gemüter. Die einen ließen sich von der traumhaften Graphik und dem verwunschenen Design verzaubern. Die anderen monierten sperrige Rätsel, ermüdende Laufwege und langatmige Dialoge. Jeder, der das Spiel damals gespielt hat, wird garantiert bis heute die spleenige Anrede „Kate Walker“ im Ohr haben, mit der unser Roboter-Sidekick Oscar jeden, wirklich jeden seiner Sätze beendet.

Ich mach’s kurz: Syberia mag im Jahr 2002 noch durchaus seine Berechtigung und Zielgruppe gehabt haben - durch seinen außergewöhnlichen Stil, die einzigartig melancholische Stimmung und die unaufgeregte Erfahrung, die man rückblickend als eine frühe Form des cozy Games betrachten könnte. Doch nichts davon ist 2025 noch sonderlich neu oder ungewöhnlich, und die Kritikpunkte von einst fallen heutzutage im Grunde indiskutabel aus.

„Zu häufig geben die Rätsel nur vor, welche zu sein; genügt es doch meistens, Schlüssel aufzunehmen und in die zugehörigen Schlösser zu stecken oder Knöpfe zu drücken und abzuwarten, was geschieht.“ Auch das ist ein Zitat aus meinem 20 Jahre alten Test, genau wie dieser hier: „Wer Syberia spielt sollte gutes Schuhwerk oder viel Geduld mitbringen: Denn die Wege, die Kate auf ihrem Abenteuer zurücklegen muss, machen locker einem Marathon Konkurrenz. Hier schleicht sich der Verdacht ein, die Macher wollten auf diese Weise die mangelnden Rätsel ausgleichen und die kurze Spieldauer künstlich hinauszögern.“

Worüber zudem seinerzeit, angesichts der alles vereinnahmenden Atmosphäre, häufig wohlwollend hinweggesehen wurde, war, dass der Plot von Syberia streng genommen nicht mehr als den Grund für Kates Reise liefert, aber darüber hinaus keine wirkliche Geschichte erzählt – die darüber hinaus unvollendet bleibt, weil sie mit einem Cliffhanger endet und erst im zweiten Teil fortgesetzt wird. (Teil 3 und 4 schließen zwar daran an, erzählen aber davon unabhängige, in sich geschlossene Geschichten.)

Beachtliche Überarbeitung im Remake

Dabei ist der Aufwand, mit dem Microids seinen Adventure-Klassiker modernisiert hat, einmal mehr bewundernswert. Ich meine das Folgende tatsächlich ernst: Vergesst Red Dead Redemption, Death Stranding und Hellblade! Das Spiel mit der schönsten Grafik, die es gibt, heißt Syberia: The World Before. Ganz ehrlich! Der vierte Teil der Reihe aus dem Jahr 2022 sieht einfach nur sagenhaft aus (und ist nebenbei das mit Abstand beste, wahrscheinlich einzig halbwegs gute Spiel der Serie).

Dass die Franzosen in Sachen Grafik ganz weit vorne mit dabei sind, weiß leider kaum jemand, ist aber so, wie auch am unlängst erschienen Remake von Amerzone: The Explorer’s Legacy zu sehen war (das spielerisch übrigens fast noch schlechter gealtert ist als Syberia).

Dass die Entwickler ihr Licht mit der Bezeichnung „Remastered“ derartig unter den Scheffel stellen, ist mir geradezu unverständlich, scheint doch nichts anders als der Begriff „Remake“ angebracht. Was im Original noch in vorgerenderten Hintergründen für damalige Verhältnisse beeindruckend aussah, erstrahlt in der Neuauflage in geradezu sensationellem echtzeitberechneten und frei begehbarem 3D samt Kamerafahrten und atemberaubenden Effekten. Wow!

Unvergleichliche Details, grandiose Lichtstimmungen, atemberaubende Panoramen – von der grafischen Qualität des vierten Teils ist dieses Remaster/Remake zwar immer noch ein gutes Stück entfernt, doch weit über allem, was man von dieser Art Überarbeitung erwarten darf. Bedauerlich – bzw. geradezu bizarr – mutet allenfalls an, dass einige Zwischensequenzen nicht in der neuen Engine erstellt wurden, sondern 1:1 aus dem Original übertragen wurden und auch die hölzernen Animationen unverändert blieben. Aber das hat wahrscheinlich produktionstechnische Gründe.

Erfreulich ist auch, dass Microids die vollständige deutsche Vertonung von damals noch vorliegen hatte und ins Spiel integrieren konnte – auch wenn das gestelzte Ablesen vom Blatt bei der einen oder anderen Nebenfigur nicht mehr die Ansprüche erfüllt, die man heutzutage an professionelle Sprecher stellt. Die verträumte Musik wiederum dudelt unermüdlich vor sich hin wie ehedem, ohne individuell auf die Situation einzugehen oder dramatische Akzente zu setzen – so war das halt damals.

Wie ordnet man das heute ein?

Stellt sich die Frage, für wen das heute noch geeignet ist, und blicken wir dafür ein letztes Mal in meinen Test vor 20 Jahren, in dem meine Antwort so ausfiel: „Wer diese Schönheitsfehler verschmerzen kann, bekommt mit Syberia ein Adventure, das voll und ganz von der Fantasie und dem Einfallsreichtum seiner Entwickler lebt und dabei weniger kurzweilig zu unterhalten versucht, als vielmehr eine ganz eigene Stimmung zwischen Melancholie und Magie erzeugt. Das mag mit Sicherheit nicht jedermanns Geschmack sein. Adventurefans und Gelegenheitsspieler sollten aber auf jeden Fall einen Blick riskieren. Vorheriges Probespielen sei aber unter allen Umständen empfohlen.“

Vor 20 Jahren würde ich das auch aus heutiger Sicht immer noch so stehen lassen. „Fantasie und Einfallsreichtum“ sind den Entwicklern rund um den 2021 verstorbenen Benoît Sokal nach wie vor zweifellos zu attestieren, wenngleich nicht mehr annähernd mit derselben Wirkung, wie sie das Spiel seinerzeit hervorrufen konnte.

Die „Schönheitsfehler“ würde ich mittlerweile allerdings „eklatante Mängel“ nennen, und dass Syberia „weniger kurzweilig zu unterhalten versucht“, lese ich heute als Euphemismus für gähnende Langeweile, die ehrlich gesagt mitunter nur noch schwer zu ertragen ist. Sinnbildlich dafür steht der letzte Satz mit dem Rat zum „Probespielen“: nicht nur, weil er heute vermutlich noch mehr Gültigkeit besitzt als ehedem, sondern weil er als verstaubte Floskel aus der Mottenkiste des Spielejournalisten-Jargons genauso aus der Zeit gefallen ist wie das Spiel selbst.

Greift zu, wenn...

… ihr einen Klassiker der Spielegeschichte in beachtlicher Überarbeitung nachholen wollt und nicht erwartet, damit heute noch Spaß haben zu müssen.

Spart es euch, wenn...

… euch spröde Rätsel, laaaaaange Laufwege und zähe Dialoge abschrecken und ihr von einem Spiel generell unterhalten werden wollt.

Fazit

Matthias Grimm - Portraitvon Matthias Grimm
Ein beeindruckend schönes Remake eines spielerisch sehr schlecht gealterten Adventure-Klassikers

Mit Syberia verbindet mich eine ganz besondere persönliche Beziehung: Denn mit seinem Test bewarb ich mich seinerzeit bei einem großen Spielemagazin und schaffte so den Einstieg in den Beruf, den ich bis heute ausübe. Dass ich ausgerechnet dieses Spiel dafür auswählte, lag an seinem einzigartig verwunschenen Grafikstil, seiner melancholischen Atmosphäre und seinem außergewöhnlichen Szenario, das heute wie selbstverständlich als „Clockpunk“ bekannt ist, damals aber noch völlig neuartig war und als eines der ersten Spiele überhaupt die Ahnung schürte, dass Games eines Tages nicht mehr nur als schnödes Unterhaltungsmedium, sondern als Kunstform wahrgenommen werden könnten.

Diesem Stellenwert als Klassiker des Adventure-Genres trägt Entwickler Microids mit einer Überarbeitung Rechnung, die mit dem Beinamen „Remastered“ zu tief stapelt und eigentlich die Bezeichnung „Remake“ viel mehr verdient. Die faszinierende Spielwelt mit ihren wundersamen mechanischen Robotern und dampfenden Maschinen erstrahlt in der rundum modernisierten Version in einer grafischen Qualität, die nicht ganz, aber immerhin fast den bemerkenswert hochwertigen letzten Spielen des französischen Entwicklers wie Syberia 4: The World Before gereicht.

>> Schlimmer als das Original? Die 10 schlechtesten Spiele-Remakes <<

Jener verträumte Stil und die einzigartige Stimmung vom Zerfall genügte vor über 20 Jahren noch, um über spielerische Defizite und manche Langatmigkeit hinwegsehen zu lassen, kann aber in der aktuellen Spielelandschaft kaum noch dieselbe Wirkung entfalten. Und so führt Syberia Remastered heute umso mehr vor Augen, wie spröde, zäh und im Grunde langweilig das Original damals schon war.

Rätsel, die häufig schlicht aus laaaaaaangen Laufwegen bestehen, ermüdende Dialoge und eine Geschichte, die im Kern nur den Anlass für die Reise liefert und sonst wenig zu erzählen hat – Syberia Remastered ist heute vermutlich selbst für Fans des Originals nur noch aus nostalgischem Interesse zu ertragen und bildet ansonsten vor allem ein historisches Relikt als Beleg einer Zeit vom Aufbruch, als Entwickler darüber nachzudenken begannen, welche Reise die Spielegeschichte abseits ausgetretener Pfade nehmen könnte, neue Formen der Darstellung abseits von Realismus zu erfinden und eine Erfahrung zu liefern, die sich nicht in Kategorien des Spielspaß messen lässt, sondern im Erlebnis selbst, seiner Stimmung und dem Gefühl, das sie vermittelt.

Viele Spiele sind zwischenzeitlich diesen Weg gegangen, so einige davon sind am Ziel angekommen, den Syberia maßgeblich mit vorgezeichnet hat. Syberia selbst steht allerdings immer noch da.

Überblick

Pro

  • faszinierender Clockpunk-Stil
  • melancholische Atmosphäre
  • beeindruckende neue Grafik
  • originale deutsche Vertonung (inkl. manch gestelztem Sprecher)

Contra

  • schon damals reichlich spröde und langatmig
  • zähe Rätsel und Laufwege
  • ermüdende Dialoge
  • manche Zwischensequenz noch 1:1 aus dem Original

Awards

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