Test - Zero Parades: For Dead Spies : Test: Der “Disco Elysium”-eskeste Nachfolger aller Disco-Elysium-Nachfolger!
- PC
Kaum ein Rollenspiel hat die Games-Branche in den vergangenen Jahren so nachhaltig beeindruckt wie Disco Elysium. Bei den Game Awards 2019 räumte das Rollenspiel in allen vier Kategorien, in denen es nominiert war, Preise ab und setzte sich dabei gegen Schwergewichte wie Control, Death Stranding oder Monster Hunter durch. Danach folgte allerdings weniger die zu erhoffende Erfolgsgeschichte als vielmehr eine ausgewachsene Schlammschlacht aus Gerichtsprozessen, Streitigkeiten und auseinanderbrechenden Entwicklerteams.
Praktisch die gesamte kreative Führung hinter Disco Elysium (Test) verließ irgendwann das Entwicklerstudio ZA/UM, gründete diverse neue Studios und arbeitet mittlerweile an verschiedensten geistigen Nachfolgern. Mitten in diesem kreativen Trümmerfeld erscheint nun mit Zero Parades: For Dead Spies ausgerechnet als Erstes das neue Spiel des ursprünglichen Studios selbst. Nicht vom alten Kernteam entwickelt, aber trotzdem unübersehbar im Schatten (oder Licht) seines Vorgängers. Aber kann Zero Parades aus eigener Kraft bestehen oder stolpert es dann doch über die holprige Vorgeschichte?
Mein Name ist Wilk, Hershel Wilk!
Im Gegensatz zu Harry aus Disco Elysium leidet Protagonistin Hershel Wilk glücklicherweise nicht unter kompletter Amnesie. Wobei sie sich wahrscheinlich wünschen würde, einige Erinnerungen einfach aus dem Kopf löschen zu können. Vor einigen Jahren leitete die Agentin mit dem Codenamen „Cascade“ nämlich eine Mission, die derart katastrophal endete, dass man sie anschließend aus dem aktiven Dienst entfernte und hinter einem Schreibtisch parkte. Schuldgefühle, Selbstzweifel und die Frage, wer damals eigentlich versagt hat, verfolgen sie bis heute wie Kaugummi an der Schuhsohle.
Nun schickt ihre Organisation sie allerdings zurück in den Außeneinsatz. Ziel ist die düstere Hafenstadt Portofiro, ein wunderschöner, heruntergekommener Ort voller politischer Spannungen, schmieriger Machtspielchen und Menschen, die alle irgendetwas vor euch verbergen. Dort soll Hershel nicht nur alte Kontakte reaktivieren und neue Intrigen entwirren, sondern sich endlich auch ihrer Vergangenheit stellen.
Gesteuert wird das Ganze erneut aus der isometrischen Perspektive. Und bereits nach wenigen Augenblicken wird klar, dass Zero Parades gar nicht erst versucht, seine Inspiration zu verstecken. Der Aquarell-Look erinnert massiv an Disco Elysium, genauso wie die dialoglastige Struktur, die philosophischen Monologe und der ständig zwischen bitterem Sarkasmus und existenzieller Verzweiflung pendelnde Tonfall. Allerdings wirkt Hershel deutlich kontrollierter als Harry. Weniger völliger Totalschaden auf zwei Beinen, als eher eine Frau, die ihren inneren Verfall mit letzter Kraft unter einem professionellen Gesichtsausdruck zu verstecken sucht.
Kalter Schweiß und warme Zigaretten
Wie schon Disco Elysium verzichtet auch Zero Parades auf klassische Kämpfe. Stattdessen wird nahezu jeder Konflikt über Dialoge, Fertigkeitswürfe oder psychologischen Druck gelöst. Und genau hierbei spielt das Spiel seine größte Stärke aus. Hershel jongliert nämlich permanent mit drei mentalen Belastungen: Erschöpfung, Angst und Delirium. Das Problem dabei ist, dass fast alles, was eines dieser Handicaps lindert, automatisch ein anderes verschlimmert.
Zigaretten beruhigen euren Geist und senken das Delirium, treiben dafür aber die Erschöpfung in die Höhe. Alkohol nimmt euch die Angst, lässt Hershel allerdings langsam geistig abrutschen. Koffein hält wach, sorgt aber gleichzeitig für Nervosität. Dadurch entsteht ein permanenter Kreislauf aus „Welcher psychische Zusammenbruch ist gerade der am wenigsten schlimme?“
Und genau diese Mechanik macht unglaublich viel Spaß. Nicht, weil Hershel langsam auseinanderfällt, sondern weil Zero Parades euch ständig zwingt, Prioritäten zu setzen. Das Spiel verwandelt mentale Gesundheit in eine spielerische Ressource, ohne sie dabei komplett zur bloßen Zahl zu degradieren.
Unterstützt wird dieser Aspekt von einem wunderbar absurden Skillsystem mit insgesamt 15 Fähigkeiten. Einige davon wirken noch halbwegs greifbar. Koordination, Instinkte oder Cold Reading erklären sich praktisch von selbst. Andere hingegen klingen eher wie Begriffe aus einem esoterischen Horoskop-Podcast, den man sich erst nach drei Flaschen Rotwein reinziehen kann.
„Doppelgänger“ steht beispielsweise für innere Widerstandskraft gegen Druck. „Blaupausen“ repräsentiert Wissen über die Stadt Portofiro und ihre Strukturen. „Verschränkung“ wiederum beschreibt übersinnliche Wahrnehmung und eure Verbindung zu den Sternen (was auch immer das bedeuten mag).
Noch spannender wird das System allerdings durch die sogenannten Konditionierungen. Diese „erlernbaren Gedanken“ formen sich durch bestimmte Entscheidungen, Orte oder Gespräche. Habt ihr sie einmal verinnerlicht, könnt ihr sie aktivieren und dadurch neue Boni oder Gameplay-Möglichkeiten freischalten.
Vielleicht dürft ihr dadurch plötzlich Automaten bestehlen. Vielleicht verleihen euch Grimassen mehr Überzeugungskraft in Diskussionen. Zusätzlich heben Konditionierungen auch euer maximales Skilllevel an. Gleichzeitig zwingt euch das Spiel dadurch aber auch oft dazu, ideologisch konsistent zu bleiben. Wer beispielsweise permanent kommunistische Positionen vertritt, eine entsprechende Konditionierung aktiviert und plötzlich kapitalistische Argumente auspackt, kassiert Mali auf Würfe.
Zero Parades interessiert sich dann also nicht nur dafür, WAS ihr sagt, sondern auch dafür, ob eure Figur überhaupt glaubwürdig hinter ihren Aussagen steht.
Die Logik im Absurden
Zusätzliche Tiefe bringen Kleidung und Ausrüstung ins Spiel. Ein lila Seidenhemd erhöht beispielsweise euren Wert in „Verschränkung“, weil euch die luxuriöse Stoffwahl angeblich stärker für übernatürliche Einflüsse öffnet. Gleichzeitig sinkt aber eure graue Substanz, weil Menschen in Seidenhemden offenbar schlechter denken. Ergibt das immer Sinn? Absolut nicht.
Aber genau das ist der Reiz. Zero Parades lebt von dieser Mischung aus politischer Schwere, philosophischem Geschwurbel und völlig absurden Gedankengängen. Die Welt folgt nicht immer realistischen Regeln, sondern emotionalen und symbolischen Zusammenhängen. Das macht das Spiel gleichzeitig faszinierend, verwirrend und manchmal auch anstrengend.
Politisch bleibt ZA/UM sich ebenfalls treu. Kapitalismus, Kommunismus, kultureller Imperialismus und gesellschaftlicher Zerfall ziehen sich erneut wie ein roter Faden durch die Handlung. Progressive Kräfte prallen auf konservative Traditionen, wirtschaftliche Interessen zerfressen ganze Stadtteile und immer wieder entdeckt man Parallelen zur realen Weltgeschichte, die garantiert nicht zufällig dort gelandet sind. Dabei wirkt Zero Parades allerdings etwas fokussierter als Disco Elysium. Weniger vollkommen eskalierter ideologischer Fiebertraum, mehr melancholischer Spionage-Thriller mit philosophischen Einschlägen.
Trotzdem bleibt das Spiel ein ziemlicher Brocken. Wer einfach nur eine klassische Agentengeschichte erwartet, wird wahrscheinlich schnell frustriert sein. Zero Parades liebt lange Dialoge, kryptische Formulierungen und Gedankengänge, die sich manchmal wie ein Uni-Seminar über politische Theorie nach Mitternacht (und drei Flaschen Rotwein) anfühlen.
Wer sich darauf einlässt, bekommt allerdings eines der interessantesten Rollenspiele der letzten Jahre. Nicht perfekt. Nicht immer elegant. Aber mutig, eigenwillig und herrlich seltsam. Nur einen Schritt hinter seinem berühmten Vorgänger.
Greift zu, wenn...euch politische, philosophische und psychologische Themen reizen und ihr Disco Elysium geliebt habt.
Spart es euch, wenn...euch lange Dialoge schnell langweilen und ihr lieber mehr Action habt.



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