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Test - ChromaGun 2: Dye Hard : Test: Der Portal-Herausforderer aus Nürnberg ist richtig gut geworden

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ChromaGun war vor gut zehn Jahren das Debüt des Nürnberger Indie-Studios Pixel Maniacs, die zwischenzeitlich mit dem Koop-Party-Racer Can’t Drive This einen Achtungserfolg verbuchen konnten. Handelte es sich beim Erstling noch um einen durchaus gelungenen, aber in jederlei Hinsicht doch zweitklassigen Klon von Portal, vereint der Nachfolger nun all das in sich, was man davon erhofft: Er ist größer, besser, ausgereifter.

ChromaGun war in jedem Bit und Byte anzusehen, was den Entwicklern damit vorschwebte: ein Rätselspiel nach Art von Portal. Das begann schon beim Labor-Aufbau seines Settings mit einem sarkastisch kommentierenden KI-Gegenspieler und endete noch lange nicht bei seiner Spielmechanik mit einer Kanone, die zwar keine Portale verschoss, aber Farbkugeln, um damit in sehr vertrauter Art und Weise Puzzle zu lösen, bei denen Druckplatten ausgelöst und Türen in den nächsten Abschnitt geöffnet wurden. Selbst ein Easter-Egg in Form des ikonischen Kuchens fehlte nicht als Verbeugung vor dem offensichtlichen Vorbild.

Ein Nachfolger, wie man ihn nur wünschen kann

Jenes Vorbild war dem ersten Teil aber noch sichtlich ein paar Nummern zu groß. Die kurze Spieldauer von knapp vier Stunden gestand der Spielidee noch nicht den Raum zu, sich zur vollen Entfaltung zu bringen, und das Szenario von Testlaboren und verrückt gewordenen Maschinen äffte dann doch weitgehend nur einfallslos nach, was Portal zum Maßstab im Genre erklärt hatte. ChromaGun 1 war noch sichtlich die Fingerübung leidenschaftlicher Entwickler, denen schon vor zehn Jahren zu wünschen war, eines Tages zu ihrer Idee zurückzukehren, um sie in einem größer budgetierten Nachfolger so ausformulieren zu können, wie es womöglich schon damals ihre Vision gewesen sein mag.

Dieser Nachfolger ist nun endlich da. Und er ist genau so, wie ich es gehofft habe: größer, besser, ausgereifter. Dabei ist das Spielprinzip weitgehend identisch geblieben: Abermals drehen sich sämtliche Spielmechaniken um die titelgebende ChromaGun, also eine Kanone, die Farbkugeln verschießt.

Damit färbt ihr schwebende Drohnen und Kacheln an der Wand ein und bewirkt dadurch, dass sie sich bei gleicher Farbe anziehen. So lotst ihr die Drohnen auf Plattformen im Boden, damit sie Schalter auslösen, Türen öffnen oder Fahrstühle in Gang setzen. Immer wieder müssen Farben auch gemischt werden nach dem Prinzip der Farbaddition, wie man sie irgendwann mal in der Grundschule gelernt hat: Blau und Gelb ergeben etwa Grün, Rot und Gelb wiederum Orange, und Blau und Rot verbinden sich zu Lila. Ihr kennt das.

Wie in einem guten Spiel dieser Art üblich, variiert ChromaGun seine Rätsel durch immer neue Elemente, die dem Grundprinzip aber stets treu bleiben: Wächterdrohnen stehen nicht einfach nur passiv in der Gegend herum, sondern verfolgen euch, wodurch sie sich an geeignete Orte lotsen lassen. Durch Röhren verschießt ihr Farbkugeln auch in Winkel der Level, die ihr sonst nicht erreicht. Lüftungsschächte ermöglichen neue Wege, aber nur wenn es euch gelingt, sie zu öffnen, und Ventilatoren wehen euch oder andere Objekte im hohen Bogen durch den Raum an ferne Bestimmungsorte.

Die Macher von ChromaGun 2 haben in den vier Jahren Entwicklungszeit offensichtlich ihre Hausaufgaben gemacht und sich dabei vor allem auch ihre unmittelbaren Konkurrenten genau angeschaut. Diesmal eben nicht nur das alles überstrahlende Vorbild Portal, sondern auch dessen zahlreiche Nachahmer, die es mittlerweile in Hülle und Fülle gibt und dem Platzhirschen mitunter gefährlich nahe kommen: vor allem sicherlich das grandiose The Talos Principle, aber auch den Zeitreise-Puzzler The Entropy Center oder das surreale Manifold Garden dürfte den Entwicklern von Pixel Maniacs wertvollen Anschauungsunterricht geliefert haben. Selbst die etwas weiter entfernte Genre-Verwandtschaft wie The Stanley Parable, Antichamber oder das leider nur wenig bekannte surreale Puzzle-Game Superliminal gehörten offenbar zum Pflichtprogramm für Mitarbeiter, huldigt ihnen ChromaGun 2 doch mit witzigen Easter-Eggs.

Into the Chromaverse

An die Qualitäten der ganz großen Genre-Referenzen reicht ChromaGun 2 um Haaresbreite zwar noch immer nicht ganz heran, spielt aber mittlerweile definitiv in derselben Liga. Verantwortlich dafür zeichnet nicht nur der immens gesteigerte Umfang von nun etwa 15 Stunden Spielzeit, sondern auch der damit verbundene Abwechslungsreichtum im Level-Design, das nach dem ersten Kapitel die sterile Eintönigkeit der Labor-Levels verlässt und in immer neue fantasievolle Kulissen springt.

Denn im Verlauf der Geschichte bringt ihr durch eine Art Dimensions-Stargate gehöriges Chaos ins Multiversum der alternativen Realitäten und bereist verschiedene Welten, die allein schon durch ihre kreative und variantenreiche Gestaltung eine ungewohnte Frische und Lebendigkeit ins ansonsten eher abstrakte Puzzle-Geschehen bringt.

Eine Welt weckt mit ihrer stromlinienförmig organisch-fluiden Architektur vermutlich nicht zufällig Erinnerungen an das futuristische Apple-Design von The Talos Principle 2. Eine andere wirkt, als wäre ihre Realität mit der schrillen Disco-Version einer Tron-Dimension kollidiert, und gegen Ende erklimmt das Spiel gar Gipfel der Surrealität wie in den schrägsten Momenten des Kinofilms Everything Everywhere all at once.

Über weite Strecken gelingt den Entwicklern mit ChromaGun 2 genau die richtige Gratwanderung aus Momenten des „Wie soll das gehen?!“ und „Aaah, warum bin ich da nicht gleich draufgekommen!!“, wie sie solcherlei Rätselspiele im besten Sinne kennzeichnen sollten. Besonders knifflig versteckte Sammelobjekte sorgen zudem dafür, dass man sich im ansonsten strikt linearen Spielablauf auch mal von härteren Kopfnüssen zwischendurch immer mal wieder gerne ablenken lässt – oder beschließt, dafür später über die Kapitelauswahl zurückzukommen und den Spaß am Spiel auch freiwillig über den Abspann hinaus zu verlängern.

Ein ungewohntes Lob gebührt den Entwicklern in diesem Zusammenhang auch für die ansonsten häufig vernachlässigte Disziplin der Achievements und Trophäen, die den Spieler nicht zu nervtötenden Aufgaben gängeln, sondern clevere zusätzliche Rätsel-Herausforderungen stellen, in die man sich gerne verbeißt. So müsst ihr etwa einen Level in einer bestimmten Zahl von Zügen abschließen, eine Drohnenkugel mit List und Schläue in einen Basketballkorb bugsieren oder einen Abschnitt mithilfe nur einer einzigen Farbe schaffen. Selten zuvor hat mir eine Platin-Trophäe dermaßen viel Freude bereitet.

Nur in der Mitte des Spiels gehen den Entwicklern gelegentlich die Gäule in Sachen Balancing und Spieldesign durch. Dann steht man mitunter schon mal länger auf dem Schlauch als nötig wäre, zum Beispiel weil das Spiel sein Ziel nicht klar genug kennzeichnet, sich manches Objekt nicht deutlich genug vom Hintergrund abhebt und daher in der Kulisse übersehen wird, oder weil mancher Level verwirrend oder schlicht zu groß aufgebaut ist oder überflüssige Spielelemente enthält, die für die Lösung nicht nötig sind und daher zwangsläufig dazu führen, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und daher komplizierter denkt als angebracht.

Diese gelegentlichen Ausrutscher verhindern, dass ChromaGun 2 unterm Strich dann doch nicht mit den Genre-Referenzen wie Portal 2 und The Talos Principle gleichzieht. Dass es mit ihnen aber ab sofort im selben Atemzug genannt werden darf, gereicht ihm zur Ehre und macht es zum Pflichtkauf für Fans der genannten Spiele.

Greift zu, wenn...

… ihr auf clevere Rätselspiele wie Portal und The Talos Principle steht.

Spart es euch, wenn...

… ihr schnell die Lust verliert, wenn es mal unnötig verwirrend wird.

Fazit

Matthias Grimm - Portraitvon Matthias Grimm
Größer, besser, ausgereifter: ChromaGun 2 schließt noch nicht ganz zu den großen Vorbildern auf, spielt aber nun in derselben Liga

Vor zehn Jahren war ChromaGun das respektable Debüt junger Entwickler, die ganz unverhohlen ihrem großen Vorbild Portal nacheiferten, diesem trotz unbestreitbarer Qualitäten aber nicht das Wasser reichen konnten. Vor allem die kurze Spieldauer von lediglich vier Stunden gestand der pfiffigen Rätselidee damals noch nicht den Raum zu, sich vollends zu entfalten. ChromaGun 2 setzt genau dort an und denkt sie in jederlei Hinsicht weiter.

Mit 15 Stunden Spieldauer vervielfacht ChromaGun 2 mal eben den Umfang seines Vorgängers, formt dadurch seine Puzzle-Mechanik zu einer vollends runden Sache und demonstriert eindrucksvoll, wie clever die Idee von der Farbkanone tatsächlich ist. Erstaunlich, wie es den Entwicklern gelingt, die simpel scheinende Prämisse in immer neuen und überraschend arrangierten Rätselsituationen aufgehen zu lassen und sie behutsam durch ergänzende Spielmechaniken zu variieren, ohne dabei das grundlegende Prinzip zu verwässern.

Und die Reise durch wechselnde Dimensionen von teils absurd surrealer Anmutung unterhält durch visuelle Abwechslung und eine pointierte geschriebene Geschichte über den eitlen Zynismus selbstherrlicher Tech-Konzerne, die sich für allmächtig halten.

>> Der Kuchen ist keine Lüge: Die 11 besten Rätselspiele nach Art von Portal <<

Über weite Strecken unterhält ChromaGun 2 blendend und balanciert treffsicher auf dem für solcherlei Rätselspiele nötigen schmalen Grat von „Wie soll das gehen?!“ über "Was übersehe ich hier?" bis hin zu „Aaaah, warum bin ich da nicht gleich draufgekommen?!“ Allenfalls in der Mitte des Spiels erliegen die Entwickler zwischenzeitlich der Versuchung, die Puzzle-Anordnungen einen Hauch zu verwirrend und kompliziert aufzubauen, was für kurzzeitigen Frust sorgen kann. Das verhindert letztlich, dass ChromaGun 2 vollends an die offensichtlichen Vorbilder und Genre-Referenzen von Portal 2 über The Talos Principle bis zu Manifold Garden heranreicht. Dass es mit ihnen aber ab sofort in einem Satz genannt werden darf, gereicht ihm zur Ehre und macht es zum Pflichtkauf für Fans der genannten Spiele.

Überblick

Pro

  • clevere Rätselmechanik nach Art von Portal
  • 15 Stunden Spieldauer mit stets abwechslungsreichen Problemstellungen
  • süffisante Rahmenhandlung über selbstherrliche Tech-Giganten
  • unterschiedliche Welten in teils irrem Design

Contra

  • mitunter unnötig verwirrender Level-Aufbau

Awards

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