Länderauswahl:
Du wurdest von unserer Mobile-Seite hierher weitergeleitet.

Test - Cthulhu: The Cosmic Abyss : Test: Eins der schönsten Horror-Spiele ist nicht für jeden geeignet

  • PC
  • PS5
  • XSX
Von  |  | Kommentieren

Der Entwickler Big Bad Wolf Games lieferte mit den Spielen The Council und Vampire: The Masquerade – Swansong zwei exquisite Adventure-Rollenspiel-Hybride ab. Allerdings sah das leider nicht jeder Spieler so. Meiner Meinung nach völlig unterschätzt, blieb dem französischen Studio der finanzielle Erfolg versagt. Daher schnappte man sich dort nun mit der Cthulhu-Lizenz für das dritte Spiel eine neue Marke und geht auch spielerisch gänzlich andere Wege: keine Skillchecks mehr, keine Rollenspiel-Komponenten, stattdessen klassischer First-Person-Horror als Puzzle-Adventure. Ob das eher den Massengeschmack trifft?

Spiele mit Cthulhu-Lizenz – von The Sinking City über Call of Cthulhu bis Shadow of the Comet (kennt das noch jemand?) – kennt man bislang meist angesiedelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zwischen Walfang-Kuttern, Holzbaracken und Öllampen. Cthulhu: The Cosmic Abyss spielt hingegen in der Zukunft, im Jahr 2053 um genau zu sein, in einer Zeit mit futuristischer High-Tech, Hologramm-Bildschirmen und KI-Assistenten, die direkt im Gehirn implantiert ständige Zwiesprache mit eurem Bewusstsein halten.

Doch auch die Zukunft ist nicht vor jahrtausendealtem Grauen gefeit. Wir spielen Noah, den Agenten einer Art Geheimdienst, der überall auf der Welt den Berichten um okkulte Aktivitäten und archaische Rituale nachgeht und verhindern soll, dass übersinnliche Kräfte in unsere Realität einfallen.

Diesmal verschlägt es uns in eine Tiefseestation, in der, wie in solcherart Geschichte zu erwarten, die Hölle losgebrochen ist. Die Einrichtung wurde weitgehend verwüstet, die Leichen der Besatzung stapeln sich in den Gängen und eine unheimliche Substanz breitet sich aus und mit ihr Wahnsinn und Tod. Berichte von unerklärlichen Vorkommnissen, verrückt gewordenen Menschen, eskalierender Gewalt und bizarren Monstern deuten allmählich auf ein Problem von kosmischen Ausmaßen.

Denn offenbar stieß das Forschungsteam in der Tiefsee auf die Überreste einer versunkenen Stadt, in der die Sumerer vor Tausenden von Jahren dem schlafenden Gott Cthulhu huldigten und ein Portal in seine Dimension des Grauens öffneten. Eine Expedition von zunehmend wahnsinnigen Forschern brach nun von der Station auf, es ihnen gleichzutun in dem irren Glauben, den eigenen Machthunger durch das Erwecken der schlafenden Gottheit stillen zu können. Also folgen wir ihren Spuren in der vagen Hoffnung, sie einzuholen und von ihrem apokalyptischen Vorhaben abzubringen.

Klassische Puzzle, aber mit neuen Ideen

Mit ihren vorherigen Spielen gingen die französischen Entwickler von Big Bad Wolf Games innovative Wege im ausgetretenen Genre der Story-Adventures. Vampire: The Masquerade – Swansong (Test) und The Council verschmolzen das narrativ motivierte Gameplay klassischer Abenteuerspiele mit den verzweigenden Entscheidungen von Telltale- und Supermassive-Spielen und den Skillchecks von Rollenspielen, die bestimmte Handlungspfade nur bei entsprechend gelevelten Fähigkeiten offen legten – entfernt vergleichbar mit Disco Elysium. Oder dem weniger bekannten Indie-Geheimtipp Cabernet, der das gleiche Spielprinzip nahezu identisch und höchst charmant umsetzte.

Dem Massengeschmack scheint es jedoch weniger gemundet zu haben – was aber auch an den zahlreichen Bugs zum Release und einem sehr zurückhaltenden Marketing geschuldet sein mag. Welche Gründe auch immer die Entwickler zum Umdenken bewogen haben mögen, ihr neues Spiel Cthulhu: The Cosmic Abyss verfolgt spielerisch einen völlig anderen, deutlich traditionelleren Ansatz im Stile von Puzzle-Adventuren, wie sie für solcherart Horror-Spiele typisch sind, kürzlich etwa erst in The Occultist (Test), dem thematisch recht ähnlichen Still Wakes The Deep (Test) oder der Amnesia-Reihe.

Heißt: Ihr erkundet in Ego-Perspektive die Umgebung, lest Dokumente und E-Mails, die Stück für Stück ein Verständnis für die Geschichte zusammenfügen, und haltet nach wichtig scheinenden Gegenständen Ausschau, die an ihrem Einsatzort zur Rätsellösung beitragen.

Doch so ganz können es die Franzosen von Big Bad Wolf offenbar wohl doch nicht lassen mit ihrem Hang zu Innovation und Eigensinn. Denn Cthulhu: The Cosmic Abyss spielt sich deutlich anders als seine Genre-Kollegen, bei denen es meistens darum geht, Zahnräder an den richtigen Stellen in antike Maschinen einzusetzen oder Hebel in korrekter Reihenfolge zu betätigen. Oder im Falle von Walking-Simulatoren ganz auf solcherlei Gameplay zu verzichten.

Cthulhu: The Cosmic Abyss vereint stattdessen Spielmechaniken, die man so zuvor entweder noch nie oder zumindest nicht in dieser Kombination gesehen hat. Zum einen sind da die logischen Deduktionen nach Art von Detektiv-Spielen wie den Sherlock-Holmes-Adventuren, bei denen man sich regelmäßig in seinen Gedankenpalast zurückzieht, um sämtliche gefundenen Hinweise wie auf einer Pinnwand einander zuzuordnen und so neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Um diese Hinweise zu finden, muss man wiederum die Umgebung sorgfältig absuchen, was in der Fülle der Details und Objekte schnell Ähnlichkeiten zur sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen aufweist. Deshalb gibt euch das Spiel dafür einen Metalldetektor an die Hand – bzw. um die Metapher wieder zu verlassen, einen Sonar-Scanner. Dieser zeigt euch auf Knopfdruck, vergleichbar mit der Eagle-Vision von Assassin’s Creed, relevante Gegenstände in der Nähe an und weist so den Weg oder gibt zumindest einen Fingerzeig, wo noch etwas Wichtiges versteckt ist. Vorausgesetzt ihr wisst genau, wonach ihr suchen müsst, denn der Scanner deckt nicht alle Hotspots in der Gegend auf, sondern nur solche, deren „Frequenz“ ihr vorher herausgefunden habt. Es gilt demnach stets zu überlegen, welche Art von Gegenstand für die aktuelle Aufgabenstellung wichtig ist, und dessen chemische Zusammensetzung für den Scanner in Erfahrung zu bringen.

Oftmals gibt es für lange Rätselketten, die in der Regel zum Abschluss eines Kapitels führen, unterschiedliche Lösungen: eine böse, meist etwas leichtere, und eine gute, dafür aber schwerere. Um etwa im ersten Kapitel den Eingang zum unheiligen Tempel zu öffnen, könnt ihr entweder das Ritual der Kultisten vervollständigen. Das mehrt jedoch den Wahnsinn in euch und steuert auf ein Ende zu, in dem womöglich das Erwecken von Cthulhu unvermeidlich sein wird. Oder ihr findet eine Möglichkeit heraus, den Blutspuren eines Meeresungeheuers durch einen Geheimgang zu folgen und bewahrt dadurch zumindest für den Moment euer Seelenheil.

Wahnsinnig versiebt?

Doch wenngleich ich die Entwickler und ihren Mut höchst schätze, sich nicht mit Standards auf ausgetretenen Pfaden zu begnügen, sondern stets neue Wege zu beschreiten, so sind sie meiner Meinung nach dieses Mal falsch abgebogen. Denn keine der innovativen Spielmechaniken wirkt bis zu Ende gedacht und beim Versuch, sie zu einem Gesamterlebnis zusammenzufügen, knirscht es gewaltig im Gameplay-Getriebe.

Das beginnt schon damit, dass mit dem Sammeln von Notizen und Hinweisen eine Erzähltechnik im Zentrum steht, die ich in den meisten Spielen meist nur gelangweilt wegklicke, weil mich der sinnlose E-Mail-Verkehr zwischen gereizten Wissenschaftlern, die sich übers Frühstück streiten, herzlich wenig interessiert. In Cthulhu: The Cosmic Abyss muss ich aber jede noch so belanglos scheinende Nachricht aufmerksam nach möglicherweise relevanten Informationen durchforsten.

Doch statt daraus clever designte Schlussfolgerungen zu ziehen wie in den Sherlock-Holmes-Spielen, Ace Attorney oder Golden Idol, stehe ich wie der irre Verschwörungstheoretiker in dem berühmten Meme aus It’s always sunny in California vor einer konfusen Pinnwand voller Zettel und Querverbindungen, deren Zusammenhänge weitgehend irrelevant sind, weil es reicht, die eine Notiz herauszufinden, die das Rätsel löst. Der Rest stiftet nur Verwirrung.

Dass der Weg dorthin, all die Hinweise und Informationen zusammenzusuchen, bei genauerer Betrachtung eigentlich nur aus der spielerischen Unsitte des Pixel-Huntings in unübersichtlichen Umgebungen besteht, macht die Spielerfahrung zu einer zähen, reichlich spröden, bisweilen frustrierenden und dadurch nicht gerade sonderlich spaßigen Angelegenheit.

Denn auch abseits dieses Musters verströmen die Rätsel den Geruch von Mottenkiste aus der staubigen Anfangsphase dieses Genres in den 90ern, aus Myst-Klonen und Survival-Albträumen. Da müssen umständlich Sterne ihren Sternbildern zugeordnet, Labyrinthe durchquert und Kronen auf die passenden Häupter ihrer toten Könige gelegt werden. Auch der Einfluss von Dark Souls mit seiner diffus-trügerischen Art, seine Spielinhalte mehr zu verschleiern als offenzulegen, schimmert immer wieder als mögliche Inspiration zwischen den Zeilen, etwa wenn unsichtbare Brücken überquert oder Höhlen in totaler Finsternis durchquert werden müssen.

Genau für eine solche Zielgruppe scheint Cthulhu: The Cosmic Abyss entworfen zu sein. Nicht für für die breite Masse, die schlicht den wohligen Grusel zu genießen wünscht, sondern für Spieler, die das Absonderliche lieben, sich den Erfolg hart erstreiten wollen, statt ihn serviert zu bekommen, solche etwa, die im ultrawirren Endgame von Blue Prince nicht genervt hinschmissen, sondern erst so richtig aufblühten.

Auch Cthulhu-Fans finden eine gefällige Geschichte vor, die mit Jahrtausende umspannenden Hintergründen über die Versuche, den schlafenden Gott zu erwecken und wieder zu bannen, durchaus ihre Momente vorweisen kann – unterm Strich aber auch nichts zu erzählen hat, das man nicht in sehr ähnlicher Form schon dutzendfach gehört hätte. Dreht man etwa die Skripte von Still wakes the Deep und Amnesia: Rebirth zusammen durch einen Fleischwolf, kommt hinten ziemlich genau The Cosmic Abyss heraus.

Maßstäbe im Genre setzt das Spiel jedoch zweifellos bei der Grafikqualität. Die düstere Tiefsee mit ihren verschwommenen Lichtakzenten, okkulte Tempel mit bizarren Fresken und Fratzen, die majestätische versunkene Stadt, der bizarr-surreale Turm des Wächters oder die monströse Zwischenwelt von R’lyeh: The Cosmic Abyss gehört zu den visuell beeindruckendsten Spielen dieser Art – und das auf dem PC auch in einer mörderischen guten Bildrate. Die PS5-Version hingegen litt in unserem Test noch unter starken Performance-Problemen.

Greift zu, wenn...

… ihr für ein hochwertig gemachtes Horror-Adventure gerne sperriges Gameplay in Kauf nehmt.

Spart es euch, wenn...

… ihr von spröden Rätselmechaniken schnell genervt oder gelangweilt seid.

Fazit

Matthias Grimm - Portraitvon Matthias Grimm
Ein ambitioniertes Horror-Adventure, das beim Beschreiten neuer Pfade etwas in die falsche Richtung abbiegt

Sie können’s einfach nicht lassen. Mit ihren vorherigen Spielen The Council und Vamire: The Masquerade – Swansong bereicherten die französischen Entwickler von Big Bad Wolf Games das Adventure-Genre um innovative Elemente aus interaktiven Story-Games voller Entscheidungen und den Skillchecks aus Rollenspielen – erzielten damit aber leider keinen Verkaufserfolg. Womöglich deshalb orientierten sie sich für ihr neues Werk Cthulhu: The Cosmic Abyss an eher traditionellen Horror-Puzzle-Adventuren in Ego-Perspektive.

Aber so ganz ohne Innovation und eigene Ideen geht den Entwicklern offenbar dann doch gegen die eigene Ehre. Daher adaptierten sie Elemente von Deductive Adventuren wie den Sherlock-Holmes-Spielen, bei denen logische Schlüsse im Gedankenpalast gezogen werden müssen. Und um diese dafür nötigen Hinweise, Notizen und Informationen zu sammeln, erklären sie das Grundprinzip ihres Spiels zur Schnitzeljagd, auf der ihr mit dem Hotspot-Sonar auf Item-Jagd geht. Unterschiedliche Lösungswege, mal gut oder böse, leicht oder schwer, treiben auf ein Ende im Wahnsinn oder möglicher Erlösung zu.

>> Lesetipp: Die Welt des H.P. Lovecraft in Videospielen <<

Doch im Bestreben, ausgetretene Pfade zu meiden und neue Wege zu beschreiten, biegen die Entwickler für meinen Geschmack in die falsche Richtung ab. Denn was sich auf dem Papier nach origineller Spielmechanik liest, erweist sich in der Praxis als reichlich sperrig und spröde. Die detektivischen Untersuchungen auf der Pinnwand wirken konfus und unausgegoren, weil meist ein einziger Klick reicht, um das Rätsel zu lösen. Das ständige Item-Suchen erinnert an die berüchtigte Pixel-Hunt-Sünde im Spieldesign von Adventures aus den 90ern, genau wie die Puzzles mit ihren Anklängen an deren Myst-Klone.

Womöglich lassen sich Spieler davon begeistern, die im Endgame von Blue Prince erst so richtig aufblühten oder sich nichts Schöneres vorstellen können, als das ganze Wochenende den Heizungsverteiler im Keller neu zu kalibrieren. Auch Lovecraft-Fans bekommen eine atmosphärische und kompetent umgesetzte Geschichte über die Jahrtausende umfassenden Bemühungen, den schlafenden Gott zu wecken oder zu bannen. Und das in fantastischer Grafik, die im Genre ihresgleichen sucht – wenngleich die Performance auf PS5 noch stark zu wünschen übrig lässt. Aber an der breiten Masse dürfte Cthulhu: The Cosmic Abyss abermals vorbeischrammen.

Überblick

Pro

  • mysteriöse Story aus dem Lovecraft-Kosmos
  • bombastische Grafik in Unreal Engine
  • innovative Spielideen
  • unterschiedliche Lösungswege

Contra

  • spröde und sperrige Rätsel
  • Deduktions-Puzzle unausgegoren
  • viel „Pixel-Hunting“

Kommentarezum Artikel

Cthulhu: The Cosmic Abyss
Gamesplanet.comCthulhu: The Cosmic Abyss35,99€ (-10%)PC / Steam KeyJetzt kaufen