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Test - Drag x Drive : Innovation à la Nintendo: zwischen Tech-Demo und E-Sport-Titel

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Zu jeder neuen Konsole pflegt Nintendo die Tradition, ein Proof-of-Concept-Spiel zu liefern. Siehe Pilotwings für das Super Nintendo, Wii Sports, Nintendo Land auf Wii U oder 1-2-Switch. Zyniker bezeichnen solche Titel gern als überambitionierte Tech-Demos. Dennoch gewinnen sie dank pfiffiger Spielkonzepte oft einen Kreis enthusiastischer Fans für sich. Klappt das auch beim Rollstuhl-Basketballspiel Drag x Drive?

Alter Verwalter, stand ich eine Weile auf dem Schlauch. Ich wusste, ich hatte das alles irgendwo schon einmal gesehen, kam aber ums Verrecken nicht drauf, woher ich es kannte. Dabei könnte die Rezeptur kaum eindeutiger sein: ein unkompliziertes Sportspiel mit reduzierten Teams, bei dem Fair Play und Körperlosigkeit wenig Bedeutung haben? Ein Spiel, bei dem Rempeln die beste Methode darstellt, um an den Ball zu kommen? Drei Spielertypen, sozusagen Gewichtsklassen, ohne tieferes strategisches Teamelement? Auffällig kurze Spielzeit?

Irgendwann fiel der Groschen: Ice Hockey auf dem NES. Nein, nicht Konamis Eishockey-Adaption Blades of Steel von 1987, sondern das plumpe, aber genial spaßige Ice Hockey aus dem Folgejahr, erschaffen und vertrieben von Nintendo selbst.

Angesichts einer Wertung von 95 % Spielspaß, welche das Spielemagazin-Urgestein Power Play einst für den Titel vergab, und den etlichen Stunden, die ich im Multiplayer damit verbrachte, eine ziemlich gute Aussicht: NES Ice Hockey, nur jetzt eben als Rollstuhl-Basketball in 3D mit Dreier-Teams und Online-Verbindung. Warum nicht?

Altes Rezept, neuer Kern

Nun, es ist nicht ganz derselbe Strich, den Nintendo zum Ausmalen einer Ex-und-hop-Sportspielerfahrung ansetzt. Man steuert ja nur noch einen einzigen Sportler aus der Verfolgerperspektive, nicht mehr das ganze Feld. Zwei der maximal drei Teammitglieder werden KI-Bots oder Online-Kumpanen dirigiert, was sich heftig auf den Spaß auswirken kann.

Bots sehen euch nämlich als zentralen Spieler, passen fast immer zu euch, wenn ihr es per Handgeste verlangt, lassen euch gar den Vortritt. Online-Spieler neigen meinen Testsitzungen zufolge eher dazu, Alleingänge zu starten. Jeder will der Held sein, der die Körbe wirft.

Pauschalisierungen wären hier fehl am Platz. Gute Teams, die sich verständigen und Passspiel für nötig erachten, wird es sicher geben, aber letztlich bleibt die eigene Rolle etwas beschränkt. Sie steht und fällt sogar mit eurem Talent, denn wenn ihr zu langsam seid oder euch ungeschickt anstellt, seid ihr bei einem Drei-gegen-drei-Basketballspiel schnell aufgeschmissen. Keiner wird euch freiwillig den Ball überlassen, wenn ihr euch regelmäßig vom Gegner überrumpeln lasst, schließlich genügt dafür bei Drag x Drive ein frontaler Rempler.

Zwei Mäuse, wenige Haken

Als Quasi-Tech-Demo, welche die Vorzüge der Switch 2 unter Beweis stellen soll, besteht Drag x Drive auf einer dualen Maussteuerung, bei der ihr beide Joycons über den Tisch (oder eure Hosenbeine) zieht. So sollt ihr das Anstoßen der Rollstuhlreifen simulieren, denn jede „Maus“ übernimmt die Rolle einer Hand am virtuellen Rollstuhl. Je schneller ihr euer Reifen-Duo nach vorne stoßt, desto heftiger euer Schub. Wollt ihr abbiegen, schiebt ihr beide Mäuse in entgegengesetzte Richtungen (eine nach vorne, die andere nach hinten) oder drückt auf einer Seite auf die Schultertaste zum Bremsen.

Fast alles, was den Ball betrifft, erledigt ihr derweil per Geste: Werfen heißt, einen Joycon vom Tisch heben und mit dem Arm eine Wurfbewegung vollziehen, wobei der Winkel zum Korb darüber bestimmt, wie hoch die Chance eines Treffers steht. Lediglich Passen geschieht auf Knopfdruck.

Logisch, intuitiv nachvollziehbar, schnell verinnerlicht. Selbst Tricks wie Bunny-Hops, Sprung-Rotationen und das Kippen eures Rollstuhls lernt ihr in Sekundenschnelle. Tony Hawk lässt grüßen. Schon genial, was sich Nintendos Spezis da ausgedacht haben.

Jedenfalls in der Theorie. In der Praxis ermüdet das Mausgeschubse leider ein wenig, weil es selbst bei maximaler Maus-Sensitivität anstrengend ist, ständig die Arme zu bewegen. Stimmt mal was mit eurer Tischoberfläche oder den Hosenbeinen nicht, liest eine der Maus-Joycons möglicherweise mehr Bewegung als die andere, sodass ihr nicht sauber geradeaus fahrt. Auch das Feedback für Würfe lässt gelegentlich Wünsche offen.

Wie heißt es so schön: Übung macht den Meister. Allein der Idee wegen ziehe ich mal wieder den Hut vor Nintendo. Sie sind Meister darin, aus einem kleinen Feature ein großes Spielerlebnis zu stricken. Dass Drag x Drive obendrein Inklusion demonstriert, ohne daraus ein Drama zu machen, verdient Extrapunkte.

Vielen Dunk

Je mehr Zeit ihr mit Drag x Drive verbringt, desto intuitiver geht ihr vor und traut euch mehr. Halfpipe-Rampen hinter den Körben verleiten zu Sprungtricks, spektakulären Dunks und so manchem waghalsigen Ausweichmanöver, das euch von einkesselnden Gegnern wegbringt. Jedes Team darf den Ball nur 14 Sekunden lang halten, bevor er automatisch an den Gegner geht. Einfallsreichtum und Flexibilität retten euch also oft die Haut.

Strategie ist dabei nicht selten eine Intuitionsfrage: Haargenau zur Dreipunktelinie rasen, schnell stehen bleiben, zielen, werfen, jubeln? Oder den (auffällig großen) Ball mit Tricks direkt im Korb versenken, was euch neben den zwei Standardpunkten zusätzliche Boni hinter der Kommastelle einbringt? Das sind in der Regel 0,1 bis 0,2 Punkte mehr, die am Ende das Zünglein an der Waage sein können.

Optionen für flexible Spielabläufe gibt es also. Gäbe es auch an den seitlichen Rändern des Spielfelds Rampen, könnte man sogar fast Rocket-League-Parallelen ziehen, auch wenn das Spielgeschehen spürbar langsamer abläuft.

Kurzum: Drag x Drive sieht einfach aus, ist theoretisch schnell erlernt, verlangt allerdings Eingewöhnung – und hat es faustdick hinter den Ohren, wenn man mal drin ist. Klingt das nicht nach einem Hit?

Wo bleibt die Substanz?

Die Krux: Nintendos ungewöhnlichem Sportspiel fehlt es an allem, was einen Titel dieser Art dauerhaft attraktiv macht. So viel Spaß die Steuerungsidee und die kurzen Matches im ersten Moment bereiten, langfristig fehlt Drag x Drive eine echte Einzelspieler-Substanz. Man kann zwar gegen Bots antreten, aber abseits der neun wählbaren Schwierigkeitsgrade gibt es kaum etwas, das dazu verleiten würde, dauerhaft gegen sie zu spielen – außer vielleicht zum Üben.

Beim erwähnten NES Ice Hockey traten immerhin unterschiedliche Nationalteams gegeneinander an. Hier fehlt ein Ligamodus, ein Turnier oder irgendeine Form von Progression völlig, ganz zu schweigen von Team-Identität. Blau gegen Rot ist alles, was ihr in dieser Hinsicht vorgesetzt bekommt.

Klar, Drag x Drive zielt eindeutig auf Online-Mehrspielerpartien ab. Doch auch hier verpufft Potenzial: Die angesetzten fünf Minuten (sieben mit Verlängerung) verfliegen zu schnell, als dass man sich richtig ins Spiel eingrooven könnte. Den Matches fehlt dadurch ein Quäntchen Dynamik und Spannung. Dramatische Aufholjagden bei hohem Rückstand? Bei Matches, die selten über 8 Punkte je Seite hinausgehen, praktisch ausgeschlossen.

Auch die Entscheidungen fürs Teamspiel wiegen wenig. Zwar gibt es drei Spielerklassen mit unterschiedlicher Wendigkeit und Geschwindigkeit, doch auf dem kleinen Spielfeld und mit dem überdimensionierten Ball fällt das kaum ins Gewicht. Egal ob mit Guard-, Forward- oder Center-Spieler, in drei Sekunden ist man von einem Korb zum anderen gerollt.

Einige dieser Kritikpunkte hätten durch ein größeres Spielfeld ausgemerzt werden können. Es hätte den Zwang erhöht, einen auserkorenen Verteidiger hinten zu lassen, Spieler nach Talent zuzuweisen und mehr. Die Klassen hätten nicht nur durch ihre statistischen Werte an Spezialisierung gewonnen, sondern auch dadurch, was Spieler mit unterschiedlichen Talenten aus ihnen herausholen können. So wie es jetzt geregelt wird, laufen alle Spiele zu gleichförmig ab. Nach 20 Minuten, also rund 3 Matches mit Pausen, hat man alles mehrfach gesehen.

Das Einzige, was für etwas Abwechslung sorgt, sind Minispiele abseits der beiden Hauptfelder einer Online-Lobby: Seilspringen, kurze Wettrennen, ein Ball-Fang-Wettbewerb, Slaloms, Korbwürfe auf Zeit und ähnliche kleine Challenges. Tatsächlich bietet das Spiel eine ganze Palette davon, doch auch sie sind sehr kurz und eher unbefriedigend – nette Ablenkung für zwischendurch, mit denen man mitunter Kleidungsstücke freispielt und sich in Online-Begegnungen temporär verliehene Champion-Ringe abholt. Aber kein echter Ersatz für den fehlenden Langzeitinhalt.

Greift zu, wenn...

… ihr chaotische Multiplayer-Action liebt und ein neuartiges, physikbetontes Sportspiel ausprobieren wollt.

Spart es euch, wenn...

… ihr langfristige Motivation, ein tiefes Progressionssystem oder optische Eigenständigkeit erwartet.

Fazit

Denis Lucius Brown - Portraitvon Denis Lucius Brown
Geniale Idee, aber es fehlt an Substanz

Drag x Drive ist ein Paradebeispiel dafür, wie Nintendo aus einer cleveren Idee ein frisches Spielerlebnis zimmert. Das Konzept funktioniert, die Steuerung ist innovativ, und in den besten Momenten blitzt das Potenzial für spannende, sogar kompetitive E-Sport-Matches auf. Ich kann mir absolut vorstellen, dass einige Leute richtig gut werden und damit eine neue E-Sports-Liga gründen. Es könnte für meinen Geschmack gerne noch etwas schneller und arcadiger zugehen, mit höheren Sprüngen, mehr Geschwindigkeit und dafür vielleicht auch größeren Spielfeldern, die mehr Strategie verlangen. Doch das sind Feinheiten, über die man ein andermal streiten kann, schließlich hat Drag x Drive ganz andere Probleme.

So solide nämlich der Kern erscheint, so mager ist das Drumherum. Ich glaube, dass Durchschnittsspieler ohne Progression und andere Anreize schnell das Interesse an Drag x Drive verlieren werden. Der fehlende Langzeitinhalt im Einzelspielerbereich, die zu kurzen Online-Partien und die eher oberflächliche Präsentation bremsen den Spaß aus. Selbst das Grafikdesign wirkt trotz Neonlichter und angedeutet düsterem gritty feel ein wenig zu glattgebügelt. Da fehlt der letzte Hauch Charakter. Ein paar einfärbbare Rollstühle und ein paar freispielbare Kleidungsstücke können das nicht wettmachen.

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Unterm Strich bleibt ein Spiel, das sich für ein paar schnelle Runden durchaus anbietet, bei dem man jedoch gleichzeitig hofft, dass Nintendo Content in Form von weiteren Spielvarianten, optionalen Spieregeln und längeren Minigames nachliefert, sonst werden die Online-Server schnell verwaist sein.

Überblick

Pro

  • intuitive Steuerung
  • spaßige Physik-Mechanik
  • Tricks & Halfpipe-Action
  • schnell erlernt, schwierig zu meistern
  • unaufdringliche Inklusion
  • E-Sport-Potenzial

Contra

  • kein echter Singleplayer-Inhalt
  • Online-Matches zu kurz
  • Klassen & Teams irrelevant
  • Spielfeld zu klein, Ball zu groß
  • Minispiele zu kurz & belanglos
  • Präsentation optisch zu glatt und generisch

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