Test - Mario Tennis Fever : Test: Bäm, was für ein Return!
- NSw2
Die Filzkugel knapp übers Netz geschleudert, schön in die letzte Ecke des gegnerischen Ackers platziert, und als Krönung geht der Court in Flammen auf – da dreht das Publikum völlig durch! Wenn Segas Virtua Tennis und Mario Kart ein Kind hätten, würde es Mario Tennis Fever heißen. Die einzige offene Frage lautet: Wie hart schmettert dieser Exklusivtitel für Switch 2?
Das hängt wie so oft bei Nintendo-Sportspielen davon ab, wie verbissen ihr auf die Simulation des jeweiligen Sports besteht. Ist überhaupt noch irgendwas an Mario Tennis Fever richtiges Tennis? Öhm, jein?! Sagen wir es so: Es sieht aus wie Tennis, und wenn man alle Zöpfe abschneidet, bleibt auch ein Tennis-Grundgerüst bestehen. Das hätte bei Mario Tennis Fever allerdings denselben ästhetischen Wert, wie wenn man einer Main-Coon-Katze das gesamte Fell abrasieren würde, um sie wie einen Löwen aussehen zu lassen: süß, aber doch irgendwie erbärmlich und bemitleidenswert.
Mario Tennis zelebriert den Sport so, wie ein besoffener Fußballfan Fußball spielt. Nicht präzise, nicht elegant – sondern mit voller Absicht laut, bunt und unberechenbar. Mario Tennis Fever ist kein Spiel, das versucht, Tennis möglichst realistisch abzubilden. Es will auch kein Kompromiss zwischen Sportspiel und Partyspiel sein. Stattdessen entschied sich Entwickler Camelot ganz klar für eine Seite: Tennis ist hier das Fundament, aber das eigentliche Ziel ist maximaler Spielspaß durch Chaos, Überraschung und typische Nintendo-Spielereien.
Noch mehr Mario als zuvor
Schon nach wenigen Matches wird deutlich, wie sehr sich Fever von früheren Ablegern absetzt. Ballwechsel sind schneller, Effekte aggressiver, Fehler werden härter bestraft – und Siege fühlen sich weniger nach sauberem Können an, sondern nach einem gelungenen Zusammenspiel aus Timing, Überblick und der richtigen Portion Risikobereitschaft. Klassisches Grundlinientennis? Vergesst es! Schon beim Gedanken daran meint man die Spieldesigner „Langweilig!“ rufen zu hören. Hier geht es um schnelle Action, um das Herausfordern und Herauskitzeln des Gegners.
Wie nicht anders zu erwarten, liefert die Mario-Mannschaft mit ihren 38 Charakteren genügend Raum für ein umfassendes Stärken- und Schwächen-Roster. Prinzessin Peach ist schnell, hat aber die Schlagkraft zweier Regenwürmer, während Bowsers schwere Muskeln ihn selbst behäbig machen, aber den Ball mit roher Gewalt über den Court dreschen. Die meisten dieser Spielfiguren müssen erst durch Erfolge im Karriere-Modus und in den Turnieren freigespielt werden – ebenso wie die teils aberwitzigen Tennisplätze, deren Oberflächen keineswegs immer gleichmäßig sind.
Neben klassischen Hart- und Rasenplätzen gibt es beispielsweise den Pilzplatz. Auf dessen weißen Punkten springt der Ball besonders hart hab – auf den roten Anteilen hingegen bleibt die Physik normal. Das macht einige Ballwechsel schwer berechenbar. Zudem gibt es dynamische Umgebungen, etwa den Waldplatz mit seinen nachwachsenden Moos-Ackern, oder den Wunderplatz, dessen komplette Beschaffenheit sich von einem Moment auf den anderen verändern kann, inklusive Netz. Das allein geht taktisch wie intuitiv weit über alle Bedingungen hinaus, die euch in einem normalen Tennisspiel erwarten würden.
Den größten Chaos-Faktor liefern die Fever-Schläger, die ihr nach und nach freispielt. Diese Ballprügel sind nicht einfach kosmetische Varianten mit ein paar Statistik-Unterschieden, sondern aktive Werkzeuge mit eigenen Spezialfähigkeiten. Jeder Schläger lädt im Laufe eines Ballwechsels eine Fever-Leiste auf, die bei Aktivierung massive Effekte auslöst: explosive Schläge, temporäre Fallen, Projektile und andere Dinge, die das Spielfeld zu euren Gunsten verändern. Ihr streut beim Gegner Schrumpf-Pilze und rotierende Feuersäulen oder erzeugt einen Klon von euch selbst, der selbst schwierig zu erreichende Bälle abfängt.
Effekthascherei? Ja, aber sowas von! Doch auch ein strategisch spannendes Spielelement. Denn Mario Tennis Fever zwingt einen dazu, ständig Entscheidungen zu treffen. Aktiviere ich meinen Fever-Effekt sofort, um Druck aufzubauen? Spare ich ihn für einen möglichen Konter? Oder bringe ich meinen Gegner dazu, defensiv zu reagieren, nur weil er weiß, dass mein Spezialschlag jederzeit kommen könnte? Dieses ständige Abwägen macht einen großen Teil der Spannung aus. Matches fühlen sich weniger wie sportliche Duelle an, sondern eher wie taktische Gefechte – nur eben mit Feuerbällen.
Erfreulich ist, dass das Spiel dabei nicht völlig aus dem Ruder läuft. Trotz aller Spezialeffekte bleibt grundlegendes Können relevant. Wer schlecht positioniert ist, verliert. Wer Timing ignoriert, vergibt Punkte. Die Mechaniken sind überzeichnet – was man allein schon daran erkennt, dass man am Netz stehend Bälle in irre steilen Winkeln schlagen, aber auch wieder abfangen kann. Von Beliebigkeit fehlt trotzdem jede Spur. Man merkt, dass Camelot versucht hat, eine Balance zwischen kontrolliertem Spiel und kalkuliertem Chaos zu finden. Das gelingt nicht immer perfekt, allerdings oft genug, um langfristig zu motivieren.
Besonders im Mehrspielermodus entfaltet dieses System seine Stärken. Lokal auf der Couch oder online entstehen Matches, die ständig kippen können. Führungen sind nie sicher, Rückstände nie aussichtslos. Genau das sorgt für diese typischen Nintendo-Momente, in denen ein Spiel plötzlich lauter wird, alle gleichzeitig schreien und niemand so genau weiß, was gerade passiert ist – außer, dass es Spaß gemacht hat. Wer kompetitives, ruhiges Tennis mit Konzentration und Fokussierung sucht, wird hier nicht glücklich. Wer Interaktion, Schadenfreude und Überraschungen mag, dafür umso mehr. Klingt wie Mario Kart und ist in seiner Essenz Mario Kart, nur eben mit Ball und Schläger.
Story-Modus mit Schwächen
Der Story-Modus schlägt in dieselbe Kerbe, allerdings mit einem etwas anderen Schwerpunkt. Die Ausgangslage ist klassisch Nintendo: Mario, Luigi sowie ihre Anti-Varianten Wario und Waluigi werden auf einem Abenteuer in Babys verwandelt. Eine vollkommen absurde Idee – und gleichzeitig eine ziemlich clevere. Denn durch dieses Handicap verlieren die Figuren all ihre Fähigkeiten und müssen ihr Tennis-Können von Grund auf neu erlernen. Schlagkraft, Spin, Spezialtechniken – alles will wiederentdeckt werden.
Diese Prämisse dient (wie üblich) weniger einer tiefen Geschichte, als vielmehr einer sauberen spielerischen Einführung. Der Story-Modus ist im Kern ein großes, zusammenhängendes Tutorial, das deutlich mehr Charme hat als klassische Übungsmodi. Statt trockener Erklärungen führt das Spiel durch eine Reihe von Minispielen und Prüfungen, die neue Mechaniken Stück für Stück vermitteln. Gerade für Einsteiger ist das eine der größten Stärken von Mario Tennis Fever: Man wird ernst genommen, jedoch nicht überfordert.
Allerdings bedeutet Story-Modus hier nicht automatisch Tennis. Ein großer Teil der Spielzeit besteht aus Minispielen, die nur am Rande mit dem eigentlichen Sport zu tun haben. Hindernisrennen auf riesigen Laufbändern, Reaktionsspiele, bei denen Schläge im richtigen Moment ausgelöst werden müssen oder abstrakte Koordinationsaufgaben, die eher an Geschicklichkeitstests erinnern als an Matches. Diese Minispiele sind kreativ, kurzweilig und oft charmant, vor allem in den ersten Stunden.
Mit zunehmender Spielzeit macht sich jedoch ein gewisser Ermüdungseffekt bemerkbar. Das liegt weniger an den Minispielen selbst als an der Struktur der Tennis-Akademie, die als Hub fungiert. Laufwege wirken unnötig lang, einige Bereiche sind seltsam verschachtelt und nicht jede Aufgabe fühlt sich sinnvoll eingebettet an. Manchmal entsteht der Eindruck, dass nur die Spielzeit gestreckt wird. Das ist kein großer Kritikpunkt, aber ein spürbarer Bruch in der ansonsten flotten Spielphilosophie.
Gerade deshalb wünscht man sich stellenweise mehr Minispiele mit direktem Tennis-Bezug. Übungen zu Platzierung, taktischem Spiel oder gezieltem Einsatz der Fever-Mechaniken hätten dem Story-Modus gutgetan. Stattdessen driftet Mario Tennis Fever hier gelegentlich so weit vom Sport weg, dass man fast vergisst, warum man überhaupt einen Schläger in der Hand hält. Es fühlt sich dann eher an wie ein ungewöhnliches Mario-Spin-off mit Tennis-Thema – durchaus charmant, aber nicht immer konsequent aufgebaut.
Diese Identitätsfrage zieht sich durch das gesamte Spiel. Mario Tennis Fever ist Tennis lediglich im weitesten Sinne. Geschwindigkeit, Spezialkräfte und visuelle Effekte machen jeden flüchtigen Gedanken an eine Simulation schnell vergessen. Das Spiel will gar nicht realistisch sein, sondern bewusst überzeichnen. Wer das akzeptiert, bekommt ein Erlebnis, das sich frisch und mutig anfühlt. Wer darauf hofft, dass unter dem Chaos ein klassisches Tennisspiel wartet, wird enttäuscht.
So bunt, so laut und so typisch Nintendo
Technisch präsentiert sich der Titel sehr solide. Die Switch-2-Hardware sorgt für stabile Bildraten, schnelle Ladezeiten und herrlich lebendige Arenen. Plätze verändern sich während des Spiels, reagieren auf Spezialeffekte und tragen viel zur Atmosphäre bei. Alles fühlt sich flüssig an, nichts bremst den Spielfluss aus. Gerade bei schnellen Ballwechseln ist das entscheidend – hier macht Mario Tennis Fever vieles richtig.
Mario Tennis Fever ist laut, verspielt, manchmal unfair und oft überraschend. Es fordert keine sportliche Perfektion, sondern Aufmerksamkeit, Anpassungsfähigkeit und die Bereitschaft, auch mal über einen völlig absurden Punktverlust zu lachen. Für ein erwachsenes Publikum ist das keine Flucht in kindliche Albernheit, sondern ein bewusstes Einlassen auf Nintendos Art, Spiele zu denken: Spielregeln sind da, um Spaß zu erzeugen – nicht, um sie ehrfürchtig zu befolgen.
Greift zu, wenn...… ihr mit Familie und Freunden Tennis spielen wollt, es dabei aber bunt, laut und chaotisch zugehen soll.
Spart es euch, wenn...… ihr eine ernstzunehmende Tennis-Simulation sucht.



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