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Test - Sleep Awake : Test: Drogengestützter Albtraum vom Spec-Ops-Erfinder

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Was passiert, wenn der kreative Kopf hinter Spec Ops: The Line und ein Gitarrist, der für Nine Inch Nails und Guns N’ Roses die Bühnen zum Beben brachte, gemeinsam den Albtraum einer schlaflosen Apokalypse erschaffen? Das First-Person-Adventure Sleep Awake liefert die Antwort auf eine so psychotrope und verstörende Art und Weise, dass man am Ende Angst vor der eigenen Matratze bekommt.

Cory Davis, der bereits mit Spec Ops: The Line bewiesen hat, dass Videospiele durchaus als Grund für notwendige psychiatrische Betreuung taugen, taucht mit Sleep Awake erneut tief in das menschliche Bewusstsein hinab. An seiner Seite steht Gitarrenlegende Robin Finck, der hoffentlich neben der Geschichte nicht auch noch seine Expertise in Sachen halluzinogener Substanzen beigesteuert hat, die man ihm als Musiker unterstellen mag. Die Story legt den Schluss jedoch nahe …

Komm, oh Tod, du Schlafes Bruder!

Katjas Welt steht nicht am Rande des Untergangs, sondern ist bereits einen Schritt weiter. Der Grund dafür liegt allerdings in einer Tätigkeit, die eigentlich durchweg positiv für uns sein sollte: Schlafen! Wer hier wegpennt, wird zwar nicht von Freddy Krüger persönlich besucht, allerdings löst sich sein Körper auf und übrig bleibt nur ein Häufchen Schleim und eine wabernde Masse in Form der letzten Schlafposition des Opfers. Letzteres erinnert ein wenig an die durch Vulkanasche konservierten Überreste der Menschen in Pompeji, nur eben mit mehr Schleim und weniger Vulkan.

Die wenigen verbliebenen Menschen, die noch übrig sind, haben unterschiedliche Wege gefunden, sich am Einschlafen zu hindern. Die Schmerzfresser halten sich wach, indem sie sich selbst verstümmeln und Schmerzen zufügen. Dazu implantieren sie sich Foltermechanismen direkt in den Körper. Weiß jetzt nicht, ob ich nicht lieber doch ins Bettchen gehen würde, bevor ich mir eine Schraubzwinge an den Oberschenkel löte, um mich auch unterwegs bequem quälen zu können.


Einen ähnlichen Weg beschreiten aber die Maschinisten. Mit starken Stromschlägen zwingen sie ihr Gehirn in einen schlafähnlichen Zustand, ohne wirklich Gefahr zu laufen zu verschwinden, dafür allerdings die Möglichkeit besteht, sich einfach das Hirn wegzubrutzeln. Daraus hat sich mittlerweile eine Art Kult entwickelt, der den Strom anbetet wie eine Gottheit. Wobei ich aus persönlicher Erfahrung anmerken kann, dass ein Griff in die Steckdose absolut nicht mit einem gemütlichen Mittagsschläfchen gleichzusetzen ist. (Sicherheitstipp: Immer zweimal die Sicherung checken, bevor man an Stromleitungen arbeitet!)

Angenehmer ist da schon Katjas Herangehensweise. Die verlässt sich nämlich auf einen Aufguss aus einer Auswahl psychedelischer Pflanzen, der durch die Macht der Kymatik aktiviert wurde. Und natürlich wissen wir alle, dass Kymatik die Wissenschaft von der Visualisierung der Schallwellen ist, indem man sie durch Wasser, Sand oder andere Partikel leitet, um geometrische Muster zu erzeugen. (Danke, Wikipedia!) Katja köchelt also alles zusammen, was wach macht und die Wände schmelzen lässt, und spielt der Drogensuppe dann in romantischen Stunden schrille Töne aus der Stereoanlage vor. Anschließend kippt sie sich das Zeug ins Auge. Muss halt nicht schmecken, muss wirken!

Albtraumhaftes Gameplay

Der Drogenkonsum beeinflusst auch den einzigartigen Look von Sleep Awake. Katja halluziniert ständig farbige Muster und auch als Spieler hat man das Gefühl, man sei am Ende einer durchzechten Nacht sturzbetrunken und nackt (ein ganz normaler Dienstag eben) in ein riesiges Kaleidoskop gefallen. Schnell geschnittene FMV-Sequenzen mit ekligen Nahaufnahmen von Augen runden den Horror-Trip schließlich ab. Außerdem stellt sich die Frage, ob alle Ereignisse im Spiel wirklich so passieren oder ob sich Katja einiges davon nicht einfach einbildet (ein ganz normaler Dienstag eben).

Kleinere Rätsel sorgen schließlich noch für Abwechslung, während Katja zugedröhnt in Richtung Wahrheitsfindung stolpert. Sleep Awake ist ein fantastisches und atmosphärisch dichtes Game, das Esoterik, Drogen und die Apokalypse zu einer spannenden Handlung verbindet, die einen nachts um den Schlaf bringt. (Was in diesem Fall etwas Positives ist!) Allerdings leidet Sleep Awake auch unter dem Nachtmahr, der immer öfter aktuelle (Indie-)Horrorspiele heimsucht: saudumme Schleichpassagen!


So ein bisschen Geschleiche kann ja auch Spaß bringen, wenn es denn so gut gemacht ist wie in Alien: isolation, aber in Sleep Awake ist es eben nicht gut gemacht. Zu oft ist nicht nachvollziehbar, warum man gerade entdeckt wurde. Wachen sehen einen durch die Wände hindurch und ignorieren einen gleichzeitig, wenn man völlig offen und in gerader Sichtlinie nur weit genug entfernt steht. Die halbgare Schleichmechanik und das sinnlose Luftanhalten kommen zum Glück nur sehr selten vor, reicht aber, um für einige frustrierende Momente zu sorgen. Erst im letzten Abschnitt wird beides bis zur Erschöpfung benutzt und das ist auch gleich das mit Abstand nervigste Kapitel im Spiel.

Man könnte fast meinen, die Entwickler wollten unter keinen Umständen einen bloßen “Walking-Simulator” veröffentlichen und haben deswegen unter Panik noch etwas Gameplay zusammengefrickelt. Gerade in Horrorspielen scheint es ein Trend zu sein, eigentlich richtig gute und atmosphärische Spiele mit aufgepfropften, halbgaren Mechaniken zu verschlimmbessern. Jedem Chef-Entwickler und Producer, der entscheidet, unbedingt Schleichpassagen in ein Spiel einzubauen, damit dem Spieler “nicht langweilig wird”, wünsche ich, dass er sich ab sofort jeden Abend den kleinen Zeh am Türrahmen anstößt.

Zumindest wäre Sleep Awake wohl ohne diese Momente ein beinahe schon traumhaftes Horrorspiel geworden. Aber das Gameplay kann einfach nicht mit der Geschichte und der Optik mithalten. Nimmt man dann noch das schwache Ende in seine Rechnung auf, muss man sich schon zweimal überlegen, ob man die 30 Euro für ein holpriges Spiel ausgeben will, das nach 3-4 Stunden schon wieder vorbei ist.

Greift zu, wenn...

ihr atmosphärisch dichte Horror-Erlebnisse liebt, psychedelische Optik eure Synapsen kitzelt und ihr eine kurze, aber intensive Story-Erfahrung sucht, die gedanklich lange nachhallt.

Spart es euch, wenn...

euch unpräzise Stealth-Mechaniken in den Wahnsinn treiben, ihr Gameplay über Atmosphäre stellt oder für 30 Euro mehr erwartet als einen audiovisuell starken, aber spielerisch wackeligen Kurztrip.

Fazit

Sebastian Ruppert - Portraitvon Sebastian Ruppert
Wach bleiben lohnt sich (ein bisschen)

Sleep Awake ist ein visuell interessantes Abenteuer zwischen Esoterik, Endzeit und halluzinogenem Horror und intensiv, kreativ und atmosphärisch bis in die Haarspitzen. Cory Davis und Robin Finck liefern eine Welt ab, die die Realität so lange verdreht und verwirrt, bis man selbst nicht mehr sicher ist, wie wach man eigentlich noch ist.

>>Ein Albtraum für Entwickler und Fans: Die Top 10 Spiele, die nie erschienen sind<<

Doch so stark Story, Atmosphäre und Inszenierung wirken, so deutlich stolpert das Spiel über seine missglückten Schleich- und Gameplay-Elemente. Am Ende bleibt ein kurzer, aber eindrucksvoller Horrortrip, der genau dann am schillerndsten leuchtet, wenn er einen einfach zugedröhnt durch die Gegend laufen lässt.

Überblick

Pro

  • Grandiose, verstörende Atmosphäre
  • Außergewöhnlicher audiovisueller Stil
  • Mutige Erzählung
  • Kreative Weltgestaltung
  • FMV-Einsätze und Halluzinationseffekte sorgen für konstanten Nervenkitzel

Contra

  • Schleichpassagen oft unfair und schlicht frustrierend
  • Gameplay wirkt angeklebt
  • Kurze Spielzeit (3–4 Stunden) bei vergleichsweise hohem Preis
  • Schwaches letztes Kapitel plus enttäuschendes Ende

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