Test - Wall Town Wonders : VR-Test: Kleine Spielwelt, ganz groß
- PC
- PS5
Stellt euch vor, eines Tages klopft es an eure Wand. Nicht weil der Nachbar einen Nagel ins Gemäuer hämmert, sondern weil eine Zivilisation von Däumlingen eine Stadt bei euch einrichten möchte. Mit eurer Hilfe wohlgemerkt, auch wenn ihr nie gefragt wurdet und keiner der Eindringlinge Miete zahlt. Wall Town Wonders von Cyborn ist schöner Stoff für Virtual Reality, weil die Grenze zwischen Fantasy-Erzählung und Videospiel verschwimmt.
Wobei allerdings fast permanent die Frage im Raum schwebt, ob man dieses Werk als Videospiel ernst nehmen kann. Die meiste Zeit spielt es sich beinahe selbst. Oder doch nicht? Schwer zu sagen. Die kleinen Bewohner der Wandstadt sprechen mit euch und veranlassen euch dazu, kleine Hilfestellungen zu gewähren.
Ihr habt also etwas zu tun. Aber ein vollwertiges Videospiel? Nah, das ist Wall Town Wonders keinesfalls. Irgendwo zwischen 3D-Diorama, hauchzarter Echtzeitstrategie und Minispielsammlung angesiedelt, versprüht dieses Werk eine wahnsinnig charmante Faszination, wenn auch ohne das geringste Argument für Langzeitbeschäftigung.
Immer an der Wand lang
Fangen wir einfach Mal von vorne an: Wall Town Wonders ist in der neulich veröffentlichten PC- und PSVR2-Fassung ein reines VR-Erlebnis. Das Original, das bis vor kurzem ein Meta-Quest-Exklusivtitel war, bot noch eine Mixed-Reality-Option, die auf dem PC und der Playstation mangels einheitlicher Hardware-Voraussetzungen fehlt. Ist aber hab so wild, denn stattdessen sucht ihr euch jetzt einfach eines von drei vorgefertigten und ziemlich real wirkenden VR-Szenarien aus, von denen zwei eine Wohnräumlichkeit nachbilden und eines einem großen Balkon vor malerischer Meeres-Kulisse nachempfunden wurde.
Dort klopft es – wie schon beschrieben - an einer Wand. Sie bricht auf und ein winziges menschenähnliches Wesen erscheint. Dieses Däumelinchen möchte hier eine Stadt errichten und mehr von seiner Art mitbringen. Na sowas!
Es dauert nur wenige Sekunden, bis ihr die wichtigsten Regeln des Spielablaufs kapiert habt. Ist ja auch nicht viel dabei. Ihr klickt mit euren beiden virtuellen Händen auf Sprechblasen, hört euch an, was ein Däumling von euch will, und führt das dann aus. Am Anfang besteht euer Aufgabenbereich vornehmlich aus dem Errichten und Platzieren von Gebäuden, die allesamt an der besagten Wand hängen: eine Mine, in der die Winzlinge Ressourcen gewinnen, ein Rathaus als Dorfzentrale, ein Restaurant, eine Schreinerei, eine Pflanzenfarm … sowas eben.
Manche dieser Gebäude etablieren Brücken zueinander, andere dürfen nicht direkt beieinanderliegen. In dem Fall bewegen sich die Däumlinge einfach hinter der Wand, um sich zu entlegenen Orten zu gelangen.
Eine faszinierende Angelegenheit, die zuerst den Eindruck eines Aufbaustrategiespiels hinterlässt. Menügewusel und Planung, nur eben in 3D. Und in winzig, was in VR überaus putzig rüberkommt. Mehr als ein Mal erwischt man sich dabei, ganz nah an die virtuellen Bauten heranzutreten. Man möchte genau sehen, was in diesen winzigen Wohnstätten vor sich geht. Kleiner als Puppenhäuser, feiner als Streichholzkonstruktionen und doch voller Leben, weil die kleinen Bewohner wunderbar animiert wurden. Sie speisen und putzen und bauen Ressourcen per Spitzhacke ab.
Von generischer Gestaltung keine Spur. Jeder Einwohner hat Persönlichkeit, jedes Gebäude seine eigene Handschrift. Ein Mikrouniversum an der Hauswand. Irgendwie irre.
Handlanger von langer Hand
Mit der Zeit werden Ansprüche und Nöte der kleinen Bewohner immer größer. Sie brauchen mehr Bauressourcen, darum sollt ihr mit euren virtuellen Händen (also den VR-Controllern) einen Arbeiter durch die angelegte Mine dirigieren. Sie brauchen Nahrung, also wird von euch erwartet, auf dem Boden Pilzsporen zu verteilen, Pilze zu ernten und sie dann in der Farm mit Wasser zu versorgen. Pilze locken wiederum Ungeziefer an, das ihr mit einer kleinen Armbanduhr-Kanone von den Wänden ballert. Später angelt ihr kleine Fische aus einem Becken oder züchtet eine kleine Reit-Eidechse heran.
Alles durchweg putzig, aber nicht abendfüllend, weil nie fordernd. Mit einem Schwierigkeitsgrad jenseits von Casual Gaming, tiefer als die Redaktionsmotivation an einem Brückentag, generiert man keinen längerfristigen Spielspaß. Der Wunsch, das Spiel nach ein paar absolvierten Aufgaben abzuschalten, wächst minütlich. Wenig spricht dagegen. Aber – und das ist das Erstaunliche – man kann die kleine Wandstadt nicht einfach abhaken. Spätestens zwei oder drei Tage später lockt die Neugierde: Was mag wohl im Reich der Däumlinge vor sich gehen?
Wall Town Wonders ist somit ein Spiel, das man fast schon zwangsläufig in Häppchen genießt. So wie man täglich nur wenige Minuten mit einer Ameisenfarm verbringt, bleibt die Aufmerksamkeitsspanne auch bei diesem VR-Erlebnis nur für kurze Zeit aufrecht. Der Gameplay-Loop ist kurz, und er will gar nicht permanent abgenudelt werden.
So erweitert ihr die kleine Stadt in kleinen Schritten, absolviert mal nebenbei ein Minispiel und schaut ansonsten dem Treiben zu. Dann legt ihr das Spiel beiseite, nur um es unverhofft wieder auszugraben.
Eine wackelige Angelegenheit
Ein weiterer Grund für die kurze Aufmerksamkeitsspanne beim Spielen liegt leider in der Technik verborgen. Zumindest bei unserer Steam-VR-Fassung gab es ein paar Bugs und mindestens eine technische Ungereimtheit, die den Spaß verdarb.
Was uns am ehesten nervte, ist die fehlende Bewegungs-Interpolation am Headset. Jede noch so winzige Neigung des Kopfes setzt das Spiel visuell um, was einfach nur nervt, weil man nie hundertprozentig stillsteht (oder sitzt). Das ging bei sogar so weit, dass wir den Puls unserer Schläfenader bemerkten, weil das Headset im Rhythmus unseres Herzschlags eine Mini-Bewegung vollzog. In jedem anderen VR-Spiel hilft eine Interpolationsroutine dabei, die Ansicht ruhig zu halten. Erst wenn man sich ein paar Zentimeter weit bewegt, passiert auch was in der VR-Ansicht.
Dagegen wirken die kleineren Bugs des Spiels beinahe nebensächlich. Bei uns verschwand das Restaurant nach dem Laden eines Spielstands. Aus Gründen. Mussten wir neu bauen. Zudem litten die Hilfsmittel für Minispiele manchmal unter unerklärlichen Verzögerungen. Lässt sich wahrscheinlich alles durch einen Patch beheben.
Greift zu, wenn...… ihr eine sehr entspanntes und faszinierendes VR-Erlebnis sucht, bei dem ihr die Seele baumeln lassen könnt.
Spart es euch, wenn...… ihr ein Spiel sucht, das längerfristig durch eine Herausforderung motiviert.


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