Test - Where Winds Meet : Test: Ein Spiel, das man verflucht und liebt zugleich
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- PS5
Bereits seit einem Jahr dürfen sich chinesische Spieler durch das Free-to-play Martial-Arts-Action-Adventure-Rollenspiel Where Winds Meet prügeln. Seit ein paar Tagen ist das Spiel nun auch im Rest der Welt erhältlich und schießt direkt auf Platz 1 der Steam- und PS5-Charts mit über zwei Millionen aktiven Spielern. Ich hätte da aber mal eine Frage an die anderen 1.999.999 Spieler: Seid ihr auch so überfordert wie ich?
Where Winds Meet ist wohl das, was dabei herauskommt, wenn man einen Entwickler fragt, wie viele unterschiedliche Mechaniken er in seinem Spiel drin haben will, und dieser nur mit einem schmutzigen Grinsen antwortet und seinen Baijiu ext. Über einem eigentlich spannenden Martial-Arts-Abenteuer mit starker Atmosphäre legt sich ein Teppich aus Upgrade-Bäumen, Menü-Schichtsalat und einem Kampfsystem, für das ein Hochschulstudium (vorzugsweise in Sinologie) fast schon unumgänglich scheint.
Crouching Tiger, Hidden Dragon, Walking Ape, Dancing Crocodile, Crying Cricket …
Dabei gehört der Kampf eindeutig ins Zentrum des Spiels. Zum westlichen Release stehen sieben Waffenstile bereit, zwei davon könnt ihr gleichzeitig führen. Neben Klassikern wie Schwert und Speer gibt’s auch exotischere Spielzeuge: Rope Dart, Fächer, Regenschirm. Wer schon immer davon träumte, einen Braunbären mit einem Schirm zu verprügeln, findet hier seine Bestimmung.
Zwar könnt ihr jede Waffe sofort nutzen, doch ohne passende Kampfkunst scheint das so sinnvoll wie Schlittschuhlaufen in der Wüste. Je nach Waffe existieren ein bis drei Kampfkünste, die eure Fähigkeiten definieren. Ein paar lernt ihr in der Story, die meisten wollen erarbeitet werden. Und zwar auf typisch WWM-artige Weise: cool, aber umständlich wie ein Ikea-Schrank ohne Anleitung.
Wollt ihr etwa die Panacea-Kampfkunst für den Fächer freischalten, müsst ihr einer Sekte beitreten. Das sind praktisch NPC-Gilden, die nochmal mit einem komplett neuen und aufwendigen Regelsystem daherkommen. Die Silver Needle verlangt beispielsweise, dass ihr anderen Spielern für Heilung Geld abnehmt und pro Woche mindestens 15 Likes sammelt, um nicht im Ansehen zu sinken.
Obwohl WWM hauptsächlich ein Singleplayer-Spiel ist, könnt ihr jederzeit in Koop oder MMO umschalten oder werdet dazu gezwungen. Beim Sturz aus großer Höhe verstaucht ihr euch zum Beispiel den Knöchel und kassiert so einen Debuff, der mit der Zeit eskaliert. Und da ihr euch nicht selbst verarzten dürft (Krankenkasse zahlt wohl nicht), braucht ihr andere Spieler, die euch in einem Minispiel wieder zusammenflicken. Wenn keiner will? Pech gehabt. Dann humpelt ihr weiter.
Wer mittlerweile den Überblick verloren hat und sich nicht mehr daran erinnert, dass wir ursprünglich nur lernen wollten, wie wir mit einem Fächer fester zuschlagen, bevor wir in tausend andere Systeme abgerutscht sind, der hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie es ist, WWM zu spielen.
Für das Lesen dieser Zwischenüberschrift erhaltet ihr 67 goldene Meerschweinchen mit Flügeln als Belohnung!
Unzählige Systeme bedeuten auch ein Menü, das aussieht, als hätte jemand Obstsalat in UI-Form gegossen. Denn Where Winds Meet ist zwar erstmal ein Free-to-play-Spiel, kommt deswegen aber auch mit allem, was man von Kollegen wie Genshin Impact bereits kennt. In gefühlten 7149 verschiedenen Shops könnt ihr euch unter Zuhilfenahme von 941.816 unterschiedlichen Währungen (das ist nicht so übertrieben, wie man meinen mag) allerhand Krempel kaufen.
Sogar eine Gacha-Mechanik wartet darauf, von euch mit Kleingeld gefüttert zu werden. Darüber hinaus gibt es unzählige Belohnungssystem für alles Mögliche. Ihr habt eure Waffe aufgewertet? Hier nimm noch ein paar Münzen! Drei Gegner besiegt? Hier sind 200 Jadefische! Ich kann es nicht beweisen (weil ich den Unterpunkt in dem chaotischen Menü nicht finde), aber ich habe das Gefühl, dass man manchmal sogar Belohnungen dafür bekommt, wenn man genügend Belohnungen abgeholt hat. Das Dopamin-Dauerfeuer muss man auch erstmal aushalten. Ohne meine hunderten Stunden in Genshin Impact würde ich wahrscheinlich jetzt noch nach dem Inventar oder dem Knopf zum Ausloggen suchen.
Aber genau meine Genshin-Erfahrung verwirrt mich an einer Stelle besonders. Wo ich dort nämlich daran interessiert bin, so viele Gacha-Ziehungen zu machen wie nur irgendwie möglich, um an neue Charaktere zu kommen und stärker zu werden, gibt es bei Where Winds Meet ausschließlich Cosmetics. Weder herrscht hier Gacha-Zwang, noch gibt es irgendeine Form von “Pay to Win”. Wer sich damit abfinden kann, dass sein Charakter nicht aussieht wie eine unheilige Allianz aus Zahnfee und einem explodierten Wassermalfarbenkasten, der braucht sich um den Shop nicht zu kümmern.
Es mag da die ein oder andere Truhe mit Waffen geben oder ein paar zusätzliche Bücher zum Aufstieg in den Berufen (natürlich gibt es Berufe in WWM), aber damit werdet ihr ohnehin so zugeballert, dass sich der Kauf nicht lohnt. Zumindest habe ich bisher keinen Anlass dazu gefunden. Aber nicht nur das Menü bietet so einige Zeitfresser.
Ü30-Party in der Open World
Schließt mal kurz die Augen und denkt an alles, was ihr in Open-World-Spielen bereits an Aktivitäten kennt. WWM hat alles davon! Darunter Wettbewerbe im Bogenschießen und betrunken (!) Pfeile in Flaschen werfen, Rededuelle (da gibt es einen eigenen Beruf für), Kranke und Verletzte am Wegesrand heilen (dafür auch), Hindernisparcours, Pferdefangen, Sammelaufgaben, Rätsel, Kochen, Crafting, Katzenstreicheln, Verbrecherfangen, Housing und natürlich Angeln. Und alles füttert wieder die nächste Leiste, die den nächsten Reward freischaltet.
Die größte aller Belohnungen ist aber selbstverständlich die Liebe. Und was wäre ein Action-Adventure denn bitte ohne ein komplexes Beziehungssystem, in dem ihr andere Spieler oder NPCs heiratet? (Antwort: Normal!) Da ich mich bisher noch nicht groß darum gekümmert habe, bleibe ich ein endgültiges Fazit an der Stelle erstmal schuldig. Was ich aber weiß, ist, dass es eine spezielle Sekte gibt, nach deren Beitritt ihr mehr als eine Person gleichzeitig heiraten dürft. Schön, dass alternative Beziehungs- und Lebensmodelle endlich auch in Videospielen angekommen sind.
Um NPCs zu bezirzen, reicht es nicht, ihnen einmal am Tag Blümchen zu bringen oder ein paar Quests zu erledigen. Beziehungsfähige NPCs laden euch dank KI zu richtigen Gesprächen ein, in denen ihr einfach frei tippt, wonach euch der Sinn steht. Nachdem ich 25 Minuten lang mit einer KI darüber gestritten habe, ob sie auch mit über 30 im Leben nochmal die wahre Liebe finden kann, kam mir einer dieser seltenen introspektiven “Was zur Hölle tu ich hier eigentlich gerade?”-Momente und seitdem habe ich aufgehört, KIs in ihrer Fake-Midlife-Crisis zu supporten.
Where Winds Meet ist viel und an vielen Stellen auch befremdlich und unheimlich sperrig, aber dennoch zieht es mich immer wieder zurück in die Martial-Arts-Welt. Das mag ein Stück weit morbide Faszination sein oder Selbstgeißelung. Vielleicht liegt es aber auch an dem Humor, den wunderschönen Cutscenes (und Grafik allgemein) oder der liebevoll gestalteten Welt, in der ich nicht von A nach B laufen kann, ohne unterwegs noch fünf versteckte Quests und dutzende Minispiele zu absolvieren. Manchmal wird man sogar entführt, wenn man eigentlich nur eine Blume pflücken wollte. Tolles Erlebnis. 10/10.
Vielleicht ist es genau dieses Brechen westlicher Designkonventionen, das WWM so eigen macht. Ja, man verbringt gefühlt die Hälfte der Zeit im Menü. Aber die andere Hälfte erlebt man völlig überdrehte Wuxia-Magie. Einen Speer werfen, selbst darauf springen und quer über die Map fliegen? Sinnlos. Schwer zu steuern. Grandios. Und wenn ihr mich jetzt fragt, wie viel Spaß ich mit Where Winds Meet habe, dann quittiere ich das nur mit einem schmutzigen Grinsen und exe genüßlich meinen Baijiu.
Greift zu, wenn...ihr ein actionreiches Wuxia-Abenteuer sucht, das euch mit akrobatischen Kämpfen, einer offenen Welt und vielen spielerischen Freiheiten stundenlang fesselt.
Spart es euch, wenn...ihr von komplexen Systemen schnell genervt seid, technische Stolpersteine euch aus der Immersion reißen oder ihr eine klar fokussierte Story ohne Ausschweifungen erwartet.


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