Preview - Europa Universalis 5 : Angespielt: Breiter und tiefer denn je!
- PC
Es war sicherlich das am schlechtesten gehütete Geheimnis der letzten Wochen: Hinter dem Arbeitstitel „Project Caesar“ verbirgt sich der fünfte Teil der Grand-Strategy-Serie Europa Universalis. Der protzt nicht nur mit seinem Umfang, sondern bringt auch einige feingliedrige Änderungen mit sich.
Die älteren Semester erinnern sich vielleicht an Bücherregale, gefüllt mit den umfangreichen Lexika aus dem Hause Brockhaus – viel "Spaß" beim Stöbern. Oder an das "Vergnügen", in einer Word-95-Installation wirklich alle Symbolleisten und Menüs zu aktivieren. Europa Universalis 5 im Speziellen – und das Genre der Grand Strategy im Allgemeinen – bemüht sich seit Langem darum, beide Erfahrungen in einem Spiel erlebbar zu machen. Seit dem Jahr 2000 schicken die Globalspielfüchse von Paradox Interactive, denen auch die Reihen Crusader Kings und Victoria zu verdanken sind, die Spielerschaft auf eine Reise durch ein üppiges Politik-, Handels- und Militärabenteuer.
Den vierten Teil brachte das Studio bereits 2013 auf den Markt und versorgte ihn, mit Ausnahme von 2019, jährlich mit neuen Erweiterungen. Allein die Aufzählung dieser Inhalte wäre in Zeiten der Zeilenhonorare für freie Autoren eine prima Einkommensquelle. Doch Paradox hielt nicht nur die Hand auf, sondern integrierte zudem einige der DLCs gratis ins Hauptspiel. Auch Mod-Support wird seit jeher groß geschrieben.
Die lange Geschichte des gewachsenen und in der Community so beliebten Spiels schürt für Teil fünf große Erwartungen und Vorfreude, bringt aber auch einige Hürden mit sich. Wie kann das Spiel gleich zu Beginn Inhalte bieten, die einigermaßen mit dem unfassbar umfangreichen Vorgänger konkurrieren können? Einfache Antwort: Indem es bereits in der Grundausstattung mit Umfang klotzt.
Aller Anfang ist elitär
Zu Beginn fragt Europa Universalis 5 ganz freundlich, wie sehr man sich denn in Globalstrategie auskennt. Wer sich hier über- oder unterschätzt, kann das später wieder ändern. Die nächste Frage betrifft den Spielstil: Will man erobern, entdecken, handeln … oder gärtnern? Je nach Kombination wird dann eine andere Gruppe von Ländern zu Beginn empfohlen. „Portugal geht immer“, heißt es in der Präsentation. Wir als Novizen-Gärtner bekommen den Oman, Norwegen und Novgorod empfohlen, wegen der guten Handelsoptionen. Patrizier-Fans nicken anerkennend.
Und dann geht es los ins Jahr 1337. Die Jahreszahl ist nicht nur aufgrund ihrer Leetspeak-Natur gewählt worden, sondern auch weil sie die Welt kurz vor einem wichtigen Umbruch markiert. In Europa beginnt alsbald der Hundertjährige Krieg und wird – Überraschung! – 116 Jahre die Mächte am Ärmelkanal bündeln. Im heutigen China wird die Yuan-Dynastie fallen und der Aufstand der Roten Turbane die Herrschaft der Mongolen beenden. In Afrika erreicht das Malireich seine größte Ausdehnung, während in Amerika die Azteken zur Großmacht aufsteigen.
All das und noch viel mehr findet sich in Europa Universalis 5. Egal wie viel Geld man mit einer Geographie-Frage bei Günther Jauch gewinnen könnte, im Spiel (und der „Europedia“) findet sich die Antwort. Wenn es historisch verbriefte Siedlungen auf noch so kleinen Eilanden gab, dann sind sie hier spiel- und erlebbar. Dieser globale Anspruch dürfte Fans von Paradox und ihrer Spiele nicht verwundern, beeindruckt beim bloßen Durchscrollen der nach und nach aufgedeckten Weltkarte noch immer enorm.
Die offensichtliche Kehrseite davon: Für Novizen ist das ein echter Brocken! Auch in der entspanntesten Gärtnern-bei-den-Fjorden-Einstellung hängen zu Beginn so viele Wimpel für Benachrichtigen von der Bildschirmkante, als hätte es Samt im Sonderangebot gegeben. Kabinett besetzen! Arbeitskräftemangel adressieren! Diplomatische Verbindungen prüfen! Also los …
Selbst die Tooltipps haben Tooltipps!
Praktisch: Bei vielen Hinweis-Bannern gibt es neben der Option „Öffnen“ – also dem Standard-Befehl, der zum entsprechenden Menü führt – auch die Möglichkeit zum „Öffnen mit Beratern“, in denen Medieval-McKinseys Zusammenhänge und Handlungsoptionen erklären. Dabei gibt sich das Spiel oft ausschweifend und verlinkt zusammenhängende Konzepte, sodass sich hinter den ersten Erklärbär-Texten noch weitere verbergen können.
Das Spiel läuft dabei automatisch ab, lässt sich allerdings jederzeit pausieren, um zu lesen oder die zahlreichen Menüs und ihre Auswirkungen zu studieren. Zu den genretypischen Mechanismen gehört natürlich ein Forschungsbaum mit sechs verschiedenen Zeitaltern, der bei den Revolutionen endet. Und selbstverständlich haben weder die Zeitalter noch die jeweiligen Forschungen einfache Auswirkungen, sondern entsprechende Kaskaden.
Religion, ein besonders in Europa heiß umkämpftes Thema, lässt sich ebenso umfangreich bespielen wie Diplomatie und die Politik im eigenen Kabinett. Berufen wir Mitglieder „unterer“ Gesellschaftsschichten in unser Parlament? Das kann sich positiv auf deren Zufriedenheit auswirken, aber bei Rivalen für Argwohn sorgen. Auch mit Regierungsreformen und Policen treiben wir den Umbau unseres Reiches voran. Gleiches gilt natürlich für den Handel, der sich bei Bedarf bis runter auf die kleinste Provinzebene, Bierbraurezepte (inklusive Reinheitsgebot!), die Expeditionen oder den manchmal doch unvermeidbaren Militärteil steuern lässt.
Über Jahrhunderte stabil
Damit das so sorgsam eingepflegte System nicht völlig aus den Rudern gerät und nach hundert Jahren keine Schweizer Armee in Indien einfällt, während die Azteken im Bündnis mit Norwegen und Novgorod (Plot-Twist!) Paris anzünden, liegen dem Europa-Universalis-System einige neue respektive verfeinerte Systeme zugrunde.
So sind multinationale Bündnisse – richtig, mit eigenen Policen und so weiter – zwischen verschiedenen Staaten eine Art langfristige Gameplay-Erdung und halten etwa Mitteleuropa stabil für einen politischen Flickenteppich. Beispiele sind das Heilige Römische Reich, die Schweizer Konföderation oder die katholische Kirche. Und auch in Gebieten spielt die Entfernung zu Machtzentren eine Rolle, wie immer mit ausgeklügeltem Bonus- und Malus-System, sodass zu schnelles Expandieren in die Breite mit ordentlichen Nachteilen verbunden ist.
All das macht aus Europa Universalis 5 den erwartet umfangreichen, aber ebenso wohldurchdachten Nachfolger, nach dem Fans sich gesehnt haben. Beim Spielen wird deutlich, dass hinter all diesen Systemen kluge Entwickler-Köpfe stecken. Die Auswirkungen sämtlicher Handlungen zeigen sich klar im Spiel, wenn auch in erster Linie in bunten Zahlen und weniger als prächtiges Naschwerk für die Augen. Aber auch das hat ja Tradition.



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