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Test - Rue Valley : Test: Und täglich grüßt der Therapeut

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Nachdem uns Fans ein Nachfolger zu Disco Elysium aufgrund von Streitigkeiten innerhalb des Entwicklerstudios und damit verbundene Personalwechsel verwehrt bleibt, gibt es eine ganze Reihe an kommenden Titeln, die zumindest als geistige Nachfolger gehandelt werden. Rue Valley gehört definitiv in dieses neue Genre der “DE-likes” und lässt sich zumindest in einigen Aspekten stark vom großen Vorbild inspirieren. Rue Valley kombiniert das introspektive Storytelling eines Disco Elysium mit dem Mindfuck einer Zeitschleifen-Erfahrung nach dem Vorbild von Outer Wilds.

Was als melancholisches Charakterdrama über Depression, Trauer und Selbstzweifel beginnt, verwandelt sich in eine surreale Spirale aus Zeitschleifen, psychologischen Rätseln und philosophischen Fragen. Zwischen absurden Begegnungen, tragikomischen Dialogen und der ständigen Uhr im Nacken entsteht eine beklemmende, fast hypnotische Atmosphäre. Rue Valley ist ein narratives Kleinod, welches jedoch leider nicht ganz ohne Makel auskommt.

Let’s do the Time Loop again!

Es soll ja verdammt schwer sein, im Bedarfsfall einen Therapeuten in der Nähe seines Wohnorts zu finden, aber was der Autor Eugene Harrow durchmachen muss, ist lächerlich. Sein Therapeut bestellt ihn in das abgelegene Wüsten”städtchen” Rue Valley, wo er im selben heruntergekommenen Motel ohne WLAN untergebracht wird, in dem auch seine Sitzungen stattfinden.

Von einer Tankstelle und einem Friedhof abgesehen, ist das einzig Interessante in der Gegend noch eine Startrampe für Raketen. Also klemmt sich Eugene seine Depression unter den Arm und ergibt sich seinem Schicksal. Doch als er nach seiner ersten Sitzung gerade dabei ist, auf seinem Zimmer die maximale Menge an Tränen zu eruieren, die sein Kissen aufsaugen kann, ertönt auf einmal eine riesige Explosion aus Richtung der Startrampe. Der Himmel steht in Flammen und als Eugene wieder zu Bewusstsein kommt, sitzt er plötzlich wieder auf der Couch seines Therapeuten, der ihn erneut zum Ende seiner ersten Therapiesitzung beglückwünscht.


Eugene steckt also in einer Zeitschleife fest, die immer um exakt 20 Uhr auf der Couch seines Therapeuten beginnt und die um 20.47 Uhr mit der Explosion und dem brennenden Firmament endet. Stellt sich natürlich die Frage, wer oder was für diese Zeitschleife verantwortlich ist, und warum er der einzige ist, der sich auch nach dem Reset an die Ereignisse erinnern kann.

Während eurer Erkundung von Rue Valley läuft die Uhr nicht in Echtzeit weiter, sondern nur dann, wenn ihr auch wirklich etwas tut wie von Punkt A nach B reisen oder mit Personen und Dingen interagieren. Ein Auge auf der Zeit zu behalten, ist aber durchaus wichtig, denn nicht nur bläst euch die Explosion nach 47 Minuten wieder zurück zum Beginn der Schleife, die NPCs haben ebenfalls ihren festen Ablauf, auf den ihr teilweise sogar Einfluss nehmen könnt. Und so mancher Bewohner von Rue Valley ist vielleicht erst bereit, mit euch zu sprechen, wenn er sich ein wenig abreagiert hat, oder ist ab 20.34 Uhr nicht mehr ansprechbar, weil er da dieses eine berühmte Bier zu viel getrunken hat.

Jetzt wird’s persönlich!

Zu Beginn des Spiels verteilt ihr Punkte in drei Kategorien, um euren Charakter bzw. den Charakter eures Charakters festzulegen. Folgt ihr eurem Bauchgefühl oder zerdenkt ihr jede Entscheidung? Geht ihr mit offenen Armen auf Menschen zu oder bleibt lieber allein? Und wie sieht eure Gefühlswelt so aus? Seid ihr eher zynisch und gemein oder übersensibel und dramatisch?

Diese Werte eröffnen oder verschließen bestimmte Dialogoptionen. Zu viele Punkte in Extrovertiert machen euch zum Beispiel übermäßig neugierig und wo andere ein Notizbuch kurz überfliegen und dann wieder zur Seite legen würden, blättert ihr es komplett durch, um auch ja kein schmutziges Detail zu verpassen. Das kostet euch dann wieder wertvolle Zeit und davon habt ihr ja nur 47 Minuten.


Bestimmte Ereignisse und Handlungen verschieben eure Werte in die ein oder andere Richtung. Falls Eugene zu introvertiert ist, um in der Bar eine Frau anzusprechen, hilft vielleicht ein Schlückchen Alkohol, um die Zunge zu lockern und den Balken mehr Richtung Extrovertiert zu verschieben.

Eigentlich spielen die Werte aber nur eine untergeordnete Rolle. Ihr könnt das Spiel, egal wie ihr sie verteilt, komplett durchspielen, und es gibt auch keine unterschiedlichen Enden, die ihr damit beeinflussen könntet. Der Weg durch Rue Valley und das Ziel ist in jedem Spieldurchlauf derselbe.

Das ist auch einer der größten Schwachpunkte des Spiels. Bleibt man bei dem Vergleich mit Disco Elysium, dann hatte man dort schon das Gefühl, dass manche Antworten in Dialogen auch wirklich Wege verschließen, die man dann eben nicht zu sehen bekommt. In Rue Valley merkt man recht schnell, dass die Entscheidungen (und damit das komplette Attributssystem) eigentlich egal sind.

Nur Fragen in meinem Kopf

Das heißt aber nicht, dass die Geschichte langweilig wäre! Tatsächlich gibt es sogar jede Menge zu entdecken und Geheimnisse aufzuklären. Das Wissen, welches ihr in einem Loop gesammelt habt, nehmt ihr mit in den Nächsten und so bahnt ihr euch nach und nach den perfekten Weg durch die Ereignisse des Abends.

Natürlich fällt es schwer, auch beim 843. Loop im Kopf zu behalten, was man im 412. Loop so erfahren hat. Damit ihr aber kein Notizbuch braucht oder gar eine Pinnwand voller verwackelter Screenshots und viel roter Schnur, greift euch das Spiel mit einer (im wahrsten Sinne des Wortes) Mindmap unter die Arme. Ihr könnt jederzeit einen Blick in den Kopf und die Gedankenwelt von Eugene werfen. Hier werden alle Informationen gesammelt, die ihr aufschnappt, sortiert und gegebenenfalls auch miteinander verknüpft.

Daraus ergeben sich dann Intentionen, denen ihr beschließen könnt zu folgen oder eben auch nicht. Habt ihr zum Beispiel erstmal festgestellt, dass ihr in Rue Valley festsitzt, kommt Eugene auf die Idee, sich einfach in sein Auto zu setzen und abzuhauen. Wenn ihr dieser Idee nachgehen wollt, müsst ihr sie explizit auswählen und aktivieren, um die “Quest” zu beginnen und auch die entsprechenden Optionen in Interaktionen zu haben. Viele dieser Pfade bieten euch kleine Nebengeschichten oder zusätzliche Infos, aber längst nicht alle sind zielführend oder notwendig für die Aufklärung des Rätsels um die Zeitschleife.


Ohne zu spoilern, kann ich leider nicht genauer auf die zahlreichen kreativen Wege eingehen, die die Entwickler gefunden haben, mit der Zeitschleife umzugehen. Aber an manchen Stellen nimmt euch das Spiel das Zepter aus der Hand und lässt Eugene einige Zeit ohne euch verbringen. Steht zum Beispiel die schier unmögliche Aufgabe bevor, das ganze Gebiet um Rue Valley abzusuchen und dabei jeden Stein umzudrehen, so geschieht das in einer kleinen Montage, die unzählige Loops auf einmal abdeckt, ohne dass ihr jeden einzelnen davon selber durchführen müsst.

Solche Momente sind nett und witzig, zum Ende hin übertreiben es die Entwickler aber damit und sorgen so für unnötig lange Phasen, in denen ihr höchstens hin und wieder mal auf “Continue” drücken dürft. Praktisch eine sehr lange Cutscene mit minimaler Selbstbeteiligung. Wo Autofahrten, die eher an Ladebildschirme eines sehr langsamen Rechners erinnern, anfangs noch ganz charmant sind, zieht sich die Geschichte durch solche Sequenzen gegen Ende hin schon sehr. Wer also wirklich in Rue Valley eintauchen will, der legt sich vielleicht direkt das Strickzeug daneben oder bastelt nebenher an seiner Sammlung an Streichholztieren.

Greift zu, wenn...

ihr Disco Elysium geliebt habt, Outer Wilds spannend fandet und euch nicht vor melancholischen Mindtrips scheut.

Spart es euch, wenn...

ihr keine Geduld für langsames Storytelling habt oder bei zu viel Dialog lieber die “Skip”-Taste drückt.

Fazit

Sebastian Ruppert - Portraitvon Sebastian Ruppert
Der schmale Grat zwischen Genie und Geduldsspiel

Rue Valley ist ein klug geschriebenes, melancholisches (RPG-)Adventure, das seine Inspirationen nicht versteckt, sondern selbstbewusst verarbeitet. Es denkt Disco Elysiums introspektive Charakterstudie weiter, verpackt sie in eine clevere Zeitschleifenmechanik und liefert dabei jede Menge surreale, emotionale und philosophische Momente. Wer Geduld mitbringt und sich gerne in Gedanken und langen Texten verliert, bekommt hier ein atmosphärisch dichtes Spiel, das lange nachhallt.

>> Und täglich grüßt der Timeloop: Die 10 besten Zeitschleifen-Spiele <<

Allerdings steht sich Rue Valley mit seinem trägen Ablauf und der oft nur scheinbaren Entscheidungsfreiheit selbst im Weg. Die Schleifenmechanik ist faszinierend, wird aber gegen Ende zur Geduldsprobe, und wer auf echte Konsequenzen für seine Dialoge hofft, wird enttäuscht. Trotzdem bleibt Rue Valley ein mutiges, eigenwilliges Erlebnis, das beweist, dass das Erbe von Disco Elysium in guten Händen ist.

Überblick

Pro

  • Starke, emotionale Geschichte über Trauer, Depression und Selbstfindung
  • Faszinierende Zeitschleifenmechanik mit cleveren Twists
  • Originelles Mindmap-System
  • Skurrile Nebenfiguren mit eigenem Rhythmus

Contra

  • Entscheidungen haben kaum echte Auswirkungen
  • Teilweise sehr gemächliches Tempo
  • Zu viele passive Sequenzen
  • Kaum Wiederspielwert

Awards

  • Story
    • PC

Kommentarezum Artikel

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