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Test - A Juggler’s Tale : Das schönste Indie-Spiel des Herbstes kommt aus Deutschland

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A Juggler’s Tale ist die kurze, aber zauberhaft schöne Geschichte der jungen Marionette Abby, die aus dem Zirkus flieht und auf eine abenteuerliche Reise aufbricht. Das Erstlingswerk der jungen Entwickler von Kaleidoscube entstand aus einem Studentenprojekt der Medienakademie Baden-Württemberg und spielt sich wie eine Mischung aus Limbo, Little Nightmares, Shady Part of me und Lost Words: Beyond the Page.

Es beginnt wie eine Folge der Augsburger Puppenkiste: Die Fensterläden zum Puppentheater öffnen sich und geben den Blick frei auf eine Guckkasten-Szenerie mit tapsig gestikulierende Marionetten vor schroff gezeichneten Pappkulissen. Der Marionettenspieler erzählt dazu aus dem Off die Geschichte der kleinen Abby in leicht holprigen Reimen, wie man sie von derlei liebevoll vorgetragenen, aber offenkundig amateurhaften Darbietungen etwa von Mittelalter-Märkten oder dem Sommerfest im Kindergarten kennt.

Die kleine Abby wächst im Zirkus auf, wo sie zur Erheiterung der Gäste artistische Kunststückchen mit einem Bären aufführt. Doch obwohl sie der Star der Show ist, wird sie wie die Tiere in einem Käfig gehalten. Als sich ihr die Gelegenheit zur Flucht bietet, ergreift sie diese und begibt sich auf eine abenteuerliche Reise durch einen düsteren Wald, ein mittelalterliches Dorf und ein verwüstetes Schlachtfeld, stets die Häscher des bösen Zirkusdirektors im Nacken, der seine Hauptattraktion unbedingt wieder einfangen will.

A Juggler’s Tale vom deutschen Entwickler Kaleidoscube ist ein zauberhafter Puzzle-Plattformer mit pfiffiger Rätselmechanik, wie sie im Indie-Bereich in letzter Zeit inflationär vorkommen. Am ehesten würde ich es mit Shady Part of me vergleichen, in dem sich ein kleines Mädchen mithilfe seines eigenen Schattens durch eine 2D-Welt puzzelt. Oder Lost Words: Beyond the Page, ebenfalls ein Spiel mit einem Mädchen in der Hauptrolle, das die Macht des Geschichtenerzählens zum Lösen seichter Rätsel nutzt. Auch das Echo von Limbo hallt unverkennnbar in A Juggler’s Tale zwischen den Tönen stets mit, wenngleich es beim Schwierigkeitsgrad deutlich zugänglicher als der Indieklassiker auftritt. Der bekannteste Genre-Verwandte dürfte zweifellos Little Nightmares sein, und Minute of Islands vom selben Publisher Mixtvision drehte kürzlich zur Abwechslung mal den Rätselanteil stark zurück und konzentriert sich stattdessen auf seine Geschichte über – natürlich – ein kleines Mädchen, das seine traumatische Kindheit in einer bisweilen verstörenden Endzeit-Fantasie verarbeitet.

Master of Puppets

Solcherlei Spiel steht und fällt mit seiner Rätselmechanik und dem, was seine Entwickler damit anstellen, und die Idee im Zentrum von A Juggler’s Tale fällt ganz und gar sensationell und vom ersten Moment an höchst verblüffend aus: Sein Kniff besteht in der Beschaffenheit seiner Heldin als Marionette. Als solche hängt Abby beim Laufen, Hüpfen und Kistenschieben stets an den Fäden ihres Puppenspielers. Das hat zur Folge, dass sich plötzlich Hindernisse auftun, wo in anderen Spielen eigentlich gar keine sind: denn selbst wenn die Tür offen ist, kann Abby nicht einfach hindurchgehen, weil die Fäden am Türrahmen darüber hängen bleiben. Auch auf ihrer Flucht durch den Wald muss Abby nicht nur dafür sorgen, dass der Weg direkt vor ihr stets frei ist, sondern auch dafür, dass sich ihre Fäden nicht in den Ästen darüber verheddern.

A Juggler's Tale - Trailer zum zauberhaften Marionetten-Platformer

In A Juggler's Tale begebt ihr euch als Marionette auf eine abenteuerliche Reise.

Wer die Rätselmechanik von A Juggler’s Tale einmal in Aktion gesehen hat, kann kaum anders als nicht sofort davon verzückt zu sein - und fragt sich kurz darauf unweigerlich, warum noch niemand vorher auf diese an und für sich simple, aber geniale Idee gekommen ist. Doch wer eine gute Idee für ein Puzzle-Game hat, muss dessen Mechanik auch in hübschen Variationen zur Anwendung bringen, und in der Tat sind den Entwicklern ein paar gewitzte Rätsel dazu eingefallen: So könnt ihr in manchen Aufgabenstellungen die Fäden zweckentfremden, indem ihr sie zum Beispiel dazu nutzt, Schalter umzulegen, die ein paar Etagen zu hoch für Abby stehen. Da eure Verfolger ebenfalls Marionetten sind, deren Leben am seidenen Faden hängen, könnt ihr euch ihre Wesenheit zunutze machen, indem ihr sie an Orte lockt, an denen sie sich unausweichlich verheddern. Und manchmal greift sogar der Puppenspieler selbst der kleinen Abby unverhofft unter die Arme, indem er sie einfach mal wider aller Naturgesetze an den Fäden über den reißenden Fluss schweben lässt.

A Juggler’s Tale hat seine besten Momente in Szenen, in denen es auf kreative und clevere Weise Kapital aus dieser Spielmechanik schlägt. Denn letzten Endes ist den Entwicklern dazu dann doch nicht so viel eingefallen, wie im Vorfeld zu hoffen war. Bezeichnenderweise greifen zahlreiche Rätsel nicht einmal auf diese Prämisse zurück, sondern bauen auf ganz klassischen Vorgehensweisen auf, indem Abby zum Beispiel einen Apfel wirft, um Wachen abzulenken, oder einen Karren verschiebt, um ihn als Blickschutz zu nutzen.

Doch man kann den Entwicklern dafür nicht böse sein. A Juggler’s Tale ist ein kleines Spiel, das aus einem Studentenprojekt hervorging, und mit lediglich drei Stunden Länge zum Preis von 15 Euro eher wie die beherzte Bewerbung talentierter Newcomer denn ein voll ausgewachsenes Spiel wirkt. A Juggler’s Tale lässt genau die kleinen Ecken und Kanten erkennen, die Debütanten typischerweise beim Feinschliff hinterlassen, etwa beim Balancing, das des Rätsels Lösung zumeist auf den ersten Blick ersichtlich macht, dann aber in seltenen Fällen ganz plötzlich im Vergleich zum Rest unverhältnismäßig komplizierte Aufgaben stellt.

Wanderer über dem Nebelmeer

Letzten Endes steht bei A Juggler’s Tale aber weniger die gewitzte Spielidee selbst als vielmehr deren zauberhafte Umsetzung im Mittelpunkt: zum einen in der Geschichte, die sich nur vordergründig ins kindlich-naive Gewand eines simplen Märchens über eine Flucht aus der Knechtschaft hüllt, aber schon bald zu einem vielschichtigen Plädoyer für Selbstbestimmtheit, freigeistige Unabhängigkeit und Mitmenschlichkeit wird. Nur der aufdringliche, betont dilettantisch reimende Erzähler nervt dabei mitunter etwas.

Zum anderen und vor allem aber in seinem Grafikstil, der für ein derartig kleines Indiespiel schier Atemberaubendes mit der Unreal Engine anstellt. Auf geradezu unerhörte Weise spielen die Entwickler ständig mit dem Wechsel aus der flachen Enge der Guckkastenperspektive, die plötzlich in die magische Weite einer Märchenlandschaft wechselt und sich bis zum fernen Horizont erstreckt, Blicke über unzählige Wipfel eines riesigen Waldes ermöglicht, ein majestätisches Gebirge in all seiner Pracht als imposantes Panorama inszeniert und sogar ein ganzes mittelalterliches Dorf in den Hintergrund setzt – und nicht bloß ein paar Häuserfassaden als dessen Anmutung.

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Die meisten anderen Indieentwickler hätten einige derartige Landschaft möglichst simpel und stilisiert gehalten, um sich mühevolle Detailarbeit zu sparen – im Wasserfarbstil von Lost Words etwa oder dem Kreideskizzenlook von Shady Part of me, deren Welten tunlichst wenige Meter hinter dem Geschehen als Kulisse zu enden haben. Doch nicht so die Macher von A Juggler’s Tale: Sie verlängern ihre Landschaft verschwenderisch in die Tiefe hinein und setzen sie mit atmosphärischen Grafikeffekten geradezu prahlerisch in Szene: wabernder Nebel, der aus dem Moor aufsteigt und von irrlichternden Gestalten zum Glühen gebracht, Regen, dessen einzelne Tropfen von brennenden Bäumen und flackernden Blitzen erhellt wird, ein ganzer Marktplatz, auf dem die Dorfbewohner aufwändig animiert ausgelassen ums lodernde Lagerfeuer tanzen, dessen zahllose Funken in den sternklaren Nachthimmel aufsteigen – sagenhaft!

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